Wer dachte, Frank Drebin hätte ein Händchen für das Chaos, hat Marty Supreme noch nicht gesehen. Die lose auf dem Leben des Tischtennisspielers Marty Reisman basierende Komödie erzählt die Geschichte eines Underdogs der etwas anderen Art und spielt bei den besten Filmen des letzten Jahres ganz weit vorne mit. Jetzt schlägt das Filmjuwel von Josh Safdie im wahrsten Sinne des Wortes auch im Heimkino auf. Wir durften 4K UHD und Blu-Ray für euch sichten.


Vertrieb: TOBIS im Vertrieb von LEONINE Distribution
Erstveröffentlichung: 2025





Der Film
Zu Beginn der Fünfzigerjahre schuftet der New Yorker Jude Marty Mauser (Timotheé Chalamet) hochgradig unzufrieden mit seinem Leben im Schuhgeschäft seines Onkels Murray. Obwohl Marty über ein beeindruckendes Verkaufstalent verfügt und demnächst den Laden als leitender Geschäftsführer übernehmen soll, sehnt er sich nach Ruhm und Anerkennung auf internationaler Bühne. Der Traum, Weltmeister im Tischtennis zu werden, wird in seinem nahen Umfeld jedoch allenfalls mit Spott bedacht, denn in den Vereinigten Staaten hat sich der Sport zu diesem Zeitpunkt anders als in Europa und Asien noch nicht etabliert.

Unterstützung in seinem Vorhaben findet er lediglich bei seiner unglücklich verheirateten Jugendliebe Rachel (Odessa A’Zion), die von Marty während einer schnellen Nummer im Schuhlager versehentlich geschwängert wird. Um an den British Open teilzunehmen, benötigt der Schmalhans aber erstmal Geld, wofür er sich klammheimlich aus dem Safe seines Onkels bedient – blind davon überzeugt, die Summe mit dem demnächst verdienten Preisgeld mühelos zurückzahlen zu können. Als Teil der amerikanischen Delegation reist Marty nach England, wo er tatsächlich ein Spiel nach dem anderen für sich entscheiden kann und dabei sogar den amtierenden Weltmeister schlägt.

Im zunehmenden Rausch des Erfolges stellt Marty mit der Zeit jedoch immer unverschämtere Forderungen bezüglich seiner Unterbringung, was ihm schon bald den Zorn der Veranstalter einbringt. Gleichzeitig lässt er sich auf eine weitere Affäre mit der zutiefst deprimierten Schauspielerin Kay Stone (Gwyneth Paltrow) ein, die ihre besten Tage längst hinter sich hat und nur noch ein frustriertes Leben im Schatten ihres millionenschweren Mannes Milton (Kevin O’Leary) führt. Neben dem leidenschaftlichen Sex hofft Marty vor allem, Milton als Sponsor für Großveranstaltungen in den Staaten gewinnen zu können.

Als er dann ausgerechnet im Finale gegen den tauben Japaner Endo verliert, zerbrechen sämtliche Träume mit einem Schlag. Nach einer nicht gerade einbringenden Welttournee als Teil der Harlem Globetrotters kehrt Marty desillusioniert nach Hause zurück. Dort wartet nicht nur ein zorniger Onkel, sondern auch eine hochschwangere Affäre…und das ist erst der Beginn einer Kettenreaktion, in deren Verlauf sich Marty bei seinen verzweifelten Versuchen, doch noch zu Weltruhm zu gelangen, immer tiefer und selbstzerstörerischer ins Verderben reitet.
Die Rezension
Wenngleich die Handlung von Marty Supreme überwiegend reine Fiktion ist, birgt sie doch einen wahren Kern. Die passende Vorlage lieferte Regisseur Josh Safdie das illustre Leben des Tischtennisspielers Marty Reisman, der noch bis ins hohe Alter aktiv an Turnieren teilnahm und zu Lebzeiten ähnlich wie John McEnroe den zweifelhaften Ruf als Les Enfant Terrible des amerikanischen Profisports genoss. Was nach der Grundlage für ein gutes Drama klingt, wird hier jedoch überwiegend als Komödie adaptiert. Wir haben es hier also zu keinem Zeitpunkt mit einem klassischen Biopic zu tun. Und das ist ganz hervorragend so.

Auftritt: Timotheé Chalamet. Der gebürtige New Yorker spielt in seiner Rolle als geltungssüchtige Lauchgestalt derart energiegeladen auf, dass man sich seiner Sogwirkung kaum entziehen kann. Den knapp zweieinhalbstündigen Film trägt er praktisch im Alleingang, obwohl er mit Gwyneth Paltrow und der wunderbar zerbrechlich aufspielenden Odessa A`Zion zwei ebenfalls wunderbar performende Co-Stars an seiner Seite hat. Aber auch abseits davon wurde der Film bis in die letzte Nebenrolle perfekt besetzt. Im Zentrum steht aber von Anfang bis Ende niemand anderes als Chalamet, was die Geltungssucht seines Charakters zusätzlich unterstreicht. Für so eine Leistung, das kann man ihm guten Gewissens zustehen, darf man sich am Abend wohlverdient auf Kylie Jenner ausruhen. Und das, obwohl der Mann prinzipiell so aussieht, wie dieses schwächliche Kind, dass in der Grundschule immer von allen verprügelt worden ist.

Hauptdarsteller und Regisseur nehmen uns mit auf eine wahre Tour de Force, die sich zu keinem Zeitpunkt die Mühe macht, erklären zu wollen, woher Marty Mauser sein Talent für das Tischtennis hat. Stattdessen lässt man ihn einfach spielen, wodurch auch das erzählerische Tempo konstant hochgehalten wird. Dadurch wird man als Zuschauer umso mehr in das turbulente Leben der Hauptfigur hineingesogen, die rücksichtslos nur den Weg nach vorne kennt, was durch die schnelle Schnittfolge zusätzlich unterstützt wird. Dabei geht es gar nicht darum, Sympathien zu erzeugen, denn Marty ist keine sympathische Figur. Kein liebenswerter Loser. Er ist ein Lügner, Betrüger, Dieb und gnadenloser Opportunist, der absolut nichts liebenswertes an sich hat und erst im letzten Augenblick wirklich zu erkennen scheint, was im Leben wirklich wichtig ist.

Ausstattung und Stilrichtung sind ebenso makellos. Kameramann Darius Khondji verpackt diese Odysee der Selbstüberschätzung in schweißgetränkten Bildern mit harschen Kontrastflanken und ausladend düsteren Hallen, was perfekt zur damaligen Zeit passt. Gänzlich untypisch ist zudem der Soundtrack, der inklusive Score eher den Achtzigern zugeordnet werden kann. Das fügt diesem visuellen Fiebertraum eine zusätzliche, surrealistische Komponente hinzu, passt andererseits aber auch erschreckend gut zusammen. Langeweile kommt zu keinem Zeitpunkt auf und müsste man den Film mit anderen vergleichen, könnte man ihn wohl am ehesten als eine Mischung aus The Wolf of Wall Street und Catch Me If You Can bezeichnen, nur weniger farbenfroh inszeniert.

Keine Frage, dass Marty Supreme bei den diesjährigen Oscars© ganz oben mitmischte – erst recht, weil es bereits im Vorfeld Nominierungen für Preise aller Art regnete. Bei satten neun Nominierungen ging der Film dann aber wider aller Erwartungen vollständig leer aus. Zu Unrecht, wie ich finde, denn allein Chalamet hätte für seine grandiose Performance locker den Award als Bester Hauptdarsteller mit nach Hause nehmen müssen (es blieb dann bei Kylie Jenner und einem Geschenktütchen), hatte gegen die hochpolitisierten Mitwerber aber keine Chance. Eine Perle ist der Film selbstverständlich trotzdem. Pflichtprogramm für anspruchsvolle Cineasten und ein großer Spaß, bei dem einem das Lachen immer wieder im Halse stecken bleibt. Und das dankbarerweise ganz ohne jedwede moralische Komponente. Unbedingt ansehen!
4K UHD und Blu-Ray: Das Bild
Marty Supreme wurde überwiegend digital gedreht. Hauptverantwortlich für den authentischen Look ist die ARRI Alexa 35, welche eine entsprechende Körnung hinzufügt, ohne dass diese nachher in der Postproduktion ergänzt werden muss, was in der Regel eher unnatürlich wirkt. Ferner bediente man sich einer ganzen Reihe älterer Analogsysteme mit klassischem 35mm-System, teilweise wurde sogar auf 16mm gedreht. In der Summe ist die daraus resultierende Komposition auf dem Papier mindestens so chaotisch wie die Titelfigur, in der Praxis ist allerdings ein äußerst harmonisches Gesamtbild entstanden, welches abschließend als 4K Digital Intermedia gefinisht wurden und in dieser Form nun die Grundlage für sämtliche Heimkinoveröffentlichungen darstellt.
Die reguläre Blu-Ray offeriert bereits sehr gute Ergebnisse, punktet mit hoher Zeigefreudigkeit im Detailbereich und händelt die Körnung selbst in dunkleren Szenen mühelos bei gleichzeitig anhaltend guter Durchzeichnung. Im Angesicht der vielen Szenen, die ohne zusätzliche Beleuchtung auskommen, ist das definitiv eine ordentliche Herausforderung, welche von der Scheibe überraschend gut gestemmt wird. Farblich tendiert der Film eher ins Erdige und nutzt wie bereits erwähnt ganz bewusst eher steile Kontrastflanken als visuelles Stilmittel. Und hier merkt man dann doch, dass die Blu-Ray bei der Wiedergabe etwas an ihre Grenzen gerät. Neutrale Flächen tendieren allzu oft sichtbar ins Grünliche, während Gesichter regelmäßig von einem ungesunden Rotstich überzogen werden. Eher kleine Kritikpunkte an einer sonst rundherum gelungenen Veröffentlichungen, aber eben doch verdient.
Die 4K UHD löst nativ auf und hat neben einem erweiterten Farbraum nach Rec.2020 Support für HDR10 und Dolby Vision an Bord. Die ohnehin schon kräftigen Kontraste werden hier ebenso wie die Farben nochmals intensiviert, differenziert dabei aber wesentlich besser. Hautfarben wirken gesünder, während farbliche Highlights wie das rote Kleid von Gwyneth Paltrow selbst im dunklen Tunnel noch eine überraschend eindrucksvolle Strahlkraft besitzen. Neutrale Flächen, die von der Blu-Ray noch eingefärbt werden, werden über die 4K UHD korrekt wiedergegeben. Dazu gibt’s kräftigeres Schwarz, eine nochmals feinere Körnung und feinere Details kann die Scheibe besser herausarbeiten. Alles in allem ein lohnenswertes Upgrade.
4K UHD und Blu-Ray: Der Ton
TOBIS bestückt beide Fassungen mit einer verlustfreien Masterspur im Format DTS-HD MA 5.1 für die deutsche Synchronisation, während der englische O-Ton als Dolby Atmos mit verlustfreiem TrueHD-Kern aufschlägt. Marty Supreme ist in erster Linie ein dialoglastiger Film, und darin brilliert die Abmischung primär auch mit durchgehend makelloser Stimmverständlichkeit im Center. Trotzdem gibt’s jede Menge Spielraum für Aktivität im Raum, der belebten Großstadtkulisse ebenso geschuldet wie der tollen Turnieratmosphäre, bei der man sich regelmäßig mitten im Publikum wähnt. Alleine die von links nach rechts springenden Tischtennisbälle sind ein toller Effekt, bei dem nicht nur die Ohren, sondern immer wieder auch die Augen ungewollt mitwandern.

Die englische Originalspur performt auf der regulären Ebene identisch gut und nutzt die zusätzliche Höhenebene primär für die Erweiterung der Echokulisse während der Turniere, was die Immersion nochmal auf ein komplett neues Level hebt. Auch der Soundtrack wird prominent auf die Heights gelegt, was man auf jeden Fall so machen kann. Kritisch wird’s für mich immer erst, wenn man von oberhalb Geräusche hört, die dort überhaupt nichts zu suchen haben. Glücklicherweise ist Marty Supreme ein Film, der auf derlei Effekthascherei zugunsten präzise gesetzter und vor allem nachvollziehbarer Erweiterungen verzichtet.
Die Extras
Beide Veröffentlichungen kommen mit dem Audiokommentar von Regisseur Josh Safdie, für den passende deutsche Untertitel vorliegen. Exklusiv auf der 4K UHD findet sich ein etwas über zweiundzwanzig Minuten langes Featurette, welches sich überwiegend aus Interviews mit Cast und Crew sowie einigen Albernheiten hinter den Kulissen befasst. Das komplette restliche Material wurde auf die Blu-Ray ausgelagert. Hier gibt’s nochmal mehr Material aus dem hinteren Kulissenbereich und einen vom Regisseur kommentierten Kameratest zwischen Timotheè Chalamet und Gwyneth Paltrow. Insgesamt kein uninteressantes Material, aber eben auch nicht essentiell.

“Marty Supreme ist in vielerlei Hinsicht ein Rausch. Ein Rausch des Chaos, der Selbstzerstörung, vom Suchen und Finden wahren Glücks. Und den Pfad dahin beschreitet Timotheé Chalamet wie eine absolute Dampfwalze, die einen als Zuschauer gnadenlos mit sich reißt. Die etwas andere Komödie über das Scheitern und Wiederaufstehen (nur um kurz darauf wieder zu scheitern) zählt zu meinen persönlichen Lieblingsfilmen des letzten Jahres und hat im Heimkino nichts von ihrer schieren Kraft verloren. Die bereits sehr gute Blu-Ray muss sich lediglich der noch besseren 4K UHD unterordnen, welche den visuellen Stil unter dem Strich einfach etwas besser händelt. Beim Ton gibt es abseits der wieder einmal fehlenden deutschen Dolby Atmos nichts zu beanstanden, lediglich bei den Extras hätte ich mir etwas spannenderes Material gewünscht. Dem Filmgenuss tut das am Ende jedoch keinerlei Abbruch.”

Quelle Bildmaterial: ©TOBIS GmbH. Im Vertrieb von LEONINE Distribution. All rights reserved.
Entsprechende Testexemplare sind uns freundlicherweise von TOBIS zur Verfügung gestellt worden.
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