Gothic lieferte einst den eindrucksvollen Beweis, dass die deutsche Spieleindustrie mehr kann als Anno und Adventures. Der Rollenspielklassiker und seine Sequels begeistern bis heute eine treue Fangemeinde. Grund genug für die spanische Spieleschmiede Alkimia Interactive, dem Titel ein Vierteljahrhundert später eine waschechte Neuauflage zu spendieren. Doch während Gothic Remake die spielerische Grundessenz der Vorlage gekonnt einfängt, drücken zahllose technische Ärgernisse die Wertung unnötig nach unten.


Entwickler: Alkimia Interactive
Publisher: THQ Nordic
Plattform: PC | PlayStation 5 | XBOX Series X|S
Veröffentlichungsdatum: 05. Juni 2026
Preis: ab 49,99€*
Altersfreigabe: ab 16 Jahren
Metacritic | OpenCritic | IMDB


Hinweis: Ein Rezensionsexemplar auf PlayStation 5 ist uns freundlicherweise vorab kostenlos von THQ Nordic zur Verfügung gestellt worden.
Eine düstere Zukunft
Inhaltlich hat sich an der grundlegenden Geschichte des Originals nichts geändert: Weil das mittelalterliche Königreich Myrtana von Orks bedroht wird und König Rhobar II. für die Waffenproduktion dringend auf magisches Erz angewiesen ist, werden Straftäter aller Art konsequent in das Minental auf der Insel Khorinis verbannt – ganz gleich, ob man einen Laib Brot stibitzt hat, oder sich des Mordes schuldig gemacht hat. Eben dieses Schicksal erleidet auch der namenlose Held, in dessen Haut wir schlüpfen. Wobei, so richtig heldenhaft sind wir im klassischen Sinne eigentlich nicht. Noble Herkunft? Fehlanzeige. Herausragende Fähigkeiten? Haben wir auch nicht. Stattdessen sind wir von der ersten Minute an gezwungen, um unser Überleben zu kämpfen.

Im Minental geben drei Fraktionen mit ganz unterschiedlichen Zielen den Ton an. Welcher davon wir uns anschließen, wirkt sich maßgeblich auf zentrale Aspekte des weiteren Handlungs- und Spielverlaufes aus, erst zum Finale laufen sämtliche roten Fäden zusammen. Im Alten Lager führt Fiesling Gomez ein grausames Regime und beutet die Gefangenen gnadenlos aus, um dem König zu gefallen, während das Neue Lager mithilfe des Erzes jene magische Barriere in die Luft sprengen will, welche eine Flucht aus dem Tal seit einem gewissen Unfall unmöglich macht. Und dann gibt’s da noch das Sumpflager, wo eine Bande von Fanatikern sich dem blinden Glauben an eine dubiose Gottheit ergeben hat, von der sie sich eines Tages die Rettung erhofft.

Je nachdem, welcher Gruppierung wir beitreten, stehen uns einzigartige Lehrmeister zur Verfügung, mit denen wir unseren bevorzugten Kampfstil individualisieren können. Vom typischen Nahkämpfer bis hin zum Magier stehen uns mehrere Karrieremöglichkeiten offen. Natürlich dauert es nicht lange, bis wir mitten zwischen die Fronten der ewigen Streitigkeiten zwischen den jeweiligen Fraktionen geraten, in deren Folge wir uns dann doch noch als Auserwählter einer höheren Macht den grünhäutigen Orks sowie einem noch weit größeren Übel entgegenstellen – wenn wir nicht vorher ins Gras beißen, weil die Zunge im falschen Moment etwas zu locker sitzt…
Klassik trifft Moderne
Kenner des Originals wissen um den chronisch hohen Schwierigkeitsgrad des Originals und sind dementsprechend vorbereitet auf die Herausforderung, die euch Gothic Remake offeriert. Selbst im leichten von insgesamt drei verschiedenen Modi kann euch ein einzelner und auf den ersten Blick unscheinbarer Gegner mit wenigen Schlägen unter die Erde prügeln, wenn ihr dessen Angriffsmuster nicht erlernt. Blocken und Ausweichen sind ebenso wichtig für das Überleben wie das Ausnutzen geeigneter Momente für einen Gegenschlag und gerade zu Spielbeginn, wenn ihr außer euren Fäusten und ein paar Lumpen am Körper extremst verwundbar seid, gilt es Vorsicht zu wahren.

Gleichzeitig versorgt euch auch das Remake allenfalls mit etwaigen Informationen, wie ihr euer nächstes Ziel erreichen könnt. Wegmarkierungen oder andere Hilfsmittel, mit denen ihr euch problemlos in der Welt orientieren könnt, gibt es nämlich anhaltend nicht. Stattdessen müsst ihr mit den wenigen Hinweisen, die euch in zahllosen Gesprächen offenbart werden, zurechtkommen. Falls ihr also zu der Sorte von Spielern gehört, die Unterhaltungen aller Art chronisch wegklicken, werdet ihr euch in Myrtana schnell hoffnungslos verirren.
Gothic Remake erscheint neben der Standard Edition auch als streng limitierte, hochpreisige Deluxe Edition mit zahlreichen Extras. Da sich nichts davon auf die Spielbalance auswirkt, nehmen wir keine zusätzliche Abwertung vor.
Ja, so war das früher in den Rollenspielen alter Schule. Und vielleicht liegt genau darin auch der Reiz dieser Herausforderung. Wer den Wunsch verspürt, einfach mal weg zu kommen von all dem Komfort aktuellerer Genrevertreter und dabei einen glaubwürdigen Entwicklungsfortschritt erleben will, ist hier damals wie heute genau am richtigen Ort.

Das bedeutet natürlich nicht, dass die Neuauflage nicht auch ein paar zentrale Neuerungen an Bord hat. So wurde vor allem das Minental deutlich erweitert und lässt euch auch darüber hinaus Gebiete betreten, die es aus Zeitgründen einfach nichts mehr ins Original geschafft haben. Dazu wartet eine Vielzahl neuer Quests darauf, von euch bewältigt zu werden. Das Schlösserknacken wurde ebenfalls überarbeitet, sämtliche Herstellungsmechaniken modernisiert und das Kampfsystem bietet wesentlich mehr taktische Möglichkeiten als bisher. Gleichzeitig reagieren die Bürger dynamischer auf euer Verhalten und lassen euch Straftaten nicht mehr ohne weiteres durchgehen.

Die Mischung aus Klassik und Moderne funktioniert in meinen Augen sehr gut. Gothic Remake bietet genug Neuerungen, um den Anforderungen moderner Spielgewohnheiten Rechnung zu tragen, während es im Kern ein angenehm altmodisches und forderndes Rollenspiel mit teils herrlich derben Dialogen bleibt. Und weil ich weiß, dass es euch interessiert: Natürlich ist auch eine gewisse Musikgruppe wieder mit von der Partie. Mindestens fünfzig Stunden werdet ihr dabei alleine mit der Hauptgeschichte beschäftigt sein, wer aber wirklich jeden Ort und jede Aufgabe erfolgreich abschließen will, kann noch mal gute dreißig Stunden obendrauf rechnen.
Probleme am laufenden Band
Ebenso legendär wie Schwierigkeit und Dialoge war seinerzeit übrigens auch die rekordverdächtige Menge an Fehlern. Das ursprüngliche Gothic gilt als eines des technisch unsaubersten Spiele im ganzen Genre. Würde man so etwas heute in dem Zustand auf den Markt werfen, wäre der Shitstorm wahrscheinlich so immens, dass der Titel nach kürzester Zeit aus sämtlichen Stores fliegen würde. Jahrzehnte aufopferungsvoller Arbeit seitens der Community waren nötig, bis das Spiel endlich rund lief. Und noch heute wird das Andenken liebevoll weitergepflegt, wo Piranha Bytes als ursprüngliche Entwickler nicht mehr existieren. Gothic Remake ist zum Start zum Glück in einem sehr viel besseren Zustand, aber dennoch weit entfernt von einer fehlerfreien Erfahrung. Und genau hier beginnen dann leider jene Ärgernisse, welche die im Kern sonst so ambitionierte ambitionierte Neuauflage in manchen Aspekten zu einer ähnlich frustrierenden Erfahrung machen.

Im Mittelpunkt stehen plattformübergreifend häufige Totalabstürze, die auf Konsolen mit dem zusätzlichen Nachteil behaftet sind, dass dabei gerne mal all eure automatischen Speicherstände inklusive Schnellspeicherungen ersatzlos aus dem System getilgt werden. Wer also nicht in regelmäßigen Abständen manuelle Sicherungen anlegt, kann im schlimmsten Fall um mehrere Stunden Fortschritt gebracht werden. Dazu gesellt sich eine ganze Palette von Glitches, in deren Konsequenz beispielsweise zentrale Charaktere nicht richtig spawnen, oder Gegner mitten im Kampf einfach im Nichts verschwinden. Ebenso ist es vorgekommen, dass sich bei Einzelkämpfen in einem der Fraktionsbasen plötzlich die komplette Einwohnerschaft gegen mich gewendet hat. An anderer Stelle ist unserer Charakter einfach durch den Boden gefallen oder in Wänden hängengeblieben. Und die NPCs wirken oftmals orientierungslos, anstatt wie groß ankündigt glaubwürdigen Tagesabläufen nachzugehen. Damit bestätigt sich leider der extrem fehleranfällige Eindruck, welchen die bereits seit längerer Zeit veröffentlichte Demo hinterlassen hat. Die Hoffnung, dass diese Probleme zum Release der finalen Version aus dem Weg geräumt werden, hat sich leider nicht erfüllt.

Die Ursache dieser Probleme kann man an verschiedenen Stellen suchen, primär hat man beim Spielen jedoch laufend das Gefühl, dass Alkimia Interactive als verhältnismäßig neues und unerfahrenes Studio mit einem so ambitionierten Erstprojekt schlicht überfordert gewesen sind. Die extrem späte Mustervergabe ist ebenfalls immer ein ganz schlechtes Zeichen dafür, dass man sich der mangelhaften Qualität zahlloser Aspekte im Vorfeld bewusst ist und vermeiden möchte, dass diese vorzeitig an die Öffentlichkeit geraten. Realistisch betrachtet wird es zahllose Patches über einen erneut sehr langen Zeitraum benötigen, bis die größten Ärgernisse aus der Welt geschafft worden sind. Was dann übrig bleibt, wird dann wohl abermals die Community erledigen – der vorbildliche Mod-Support macht’s möglich, das aber eben nur auf PC, weshalb Konsolenspieler besonders vorsichtig sein sollten. Im aktuellen Zustand ist Gothic Remake einfach eine viel zu unsichere und unstetige Erfahrung, die mehr Frust als Freude bereitet.
Volles Pfund auf’s Maul
Gleichzeitig leidet das Spiel unter einer durchgehend inakzeptablen Optimierung auf Basis der hier zum Einsatz gebrachten Unreal Engine 5. Sämtliche Konsolenfassungen sind auf 30 Bilder pro Sekunde begrenzt, was einfach inakzeptabel ist. Dabei gibt’s dafür noch nicht einmal natives 4K, stattdessen wird je nach Plattform dynamisch bis maximal 1440p aufgelöst. Eine gesonderte Unterstützung für PlayStation 5 Pro gibt es ebenfalls nicht. Und als wäre das nicht ärgerlich genug, kommt es zusätzlich regelmäßig zu unschönen Rucklern. Manche Texturen wirken hoffnungslos veraltet, auch wirken die Animationen insgesamt nicht zeitgemäß. Schatten und Objekte poppen aus nächster Nähe regelmäßig ins Geschehen. Lediglich bei der Kleidung lässt sich eine gewisse Liebe zum Detail ausmachen und auch die Beleuchtung kann sich durchaus sehen lassen. Die nicht viel besser optimierte PC-Version läuft selbst mit bester Hardware kaum runder und teilt die essentiellen Grundprobleme der Konsolenportierungen.

In der Summe wirkt Gothic Remake einfach unfertig. Und das auf eine Weise, die selbst den auf den ersten Blick sehr fairen Verkaufspreis von knapp fünfzig Euro zu hoch wirken lässt. Viele Spieler informieren sich vorab über Performance und Co. im Netz und entscheiden erst daran, ob ein Kauf für sie in Frage kommt, weil ihnen bestimmte Bildraten einfach wichtig sind. Es ist ja auch ein Gewohnheitseffekt damit verbunden. Ein Maximum von 30 Bildern pro Sekunde mag sich vor zehn-fünfzehn Jahren noch als erträglich angefühlt haben, aber in Zeiten, wo die allermeisten Konsolentitel wenigstens einen alternativen Leistungsmodus zur Verfügung stellen, fühlt sich das einfach nicht mehr gut an. Die DVD sah damals auch um einiges besser aus als eine VHS. Heute gibt’s Blu-Ray und 4K UHD. Ihr versteht, worauf ich hinaus will.

Zusätzlicher Ärger winkt aus Richtung der Vertonung. Für die damalige Zeit bot das Original eine überaus gelungene Synchronisation, das komplett mit neuen Sprechern versehene Remake klingt dagegen eher durchwachsen. Den Soundtrack könnte man eher genießen, wenn er nicht dazu neigen würde, gelegentlich einfach abzubrechen. In dem Fall werden auch Dialoge nicht mehr synchron wiedergegeben und es kann vorkommen, dass sich gesprochene Sätze überlagern. Bei der Bedienung sieht es nicht minder zwiespältig aus. Die Bedienung via Gamepad geht überraschend gut von der Hand, während man sich am PC mit Maus und Tastatur mit einer werksseitig extrem sensiblen Kameraführung herumplagt, die erst nach einigen Feineinstellungen gelöst werden konnte. Gleichzeitig mangelt es an mittlerweile essentiellen Funktionen wie Sortierungsmöglichkeiten im Inventar und auch das Plündern zieht sich mangels Sammelfunktion unnötig in die Länge.

“Gesegnet sind die, die Gothic erst spät für sich entdeckt haben, denn wer das fehlerverseuchte Original damals zum Launch erlebt hat, wird es heute aufgrund der liebevollen Fanpflege kaum wiedererkennen. Dem Remake sage ich nach aktuellem Stand ein ähnlich schwieriges Schicksal voraus, denn was die Spanier hier abgeliefert haben, ist zwar nicht ganz so unspielbar wie die Erstveröffentlichung, steckt aber trotzdem so voller Unzulänglichkeiten, dass man sich den Kauf wirklich gut überlegen muss. Schade ist das allemal, denn unter der miserabel optimierten Haube verbirgt sich ein in vielen Punkten durchaus gelungen modernisierter und sinnvoll erweiterter Rollenspielklassiker alter Schule, der sich in technischer Hinsicht aber derart zuverlässig wie häufig auf unschönste Weise über seine eigenen Beine stolpert, dass man irgendwann einfach keine Lust mehr hat, nochmal aufzustehen. Ich wünsche dem Spiel sehr, dass es seine vielen Probleme irgendwann in den Griff bekommt. Bis dahin dürfte aber mindestens einige Zeit vergehen – und bis dahin sollte man seine Zeit selbst als leidresistenter Spieler lieber mit einem der zahllosen anderen Alternativen am Markt verbringen.”


- Ansehnliche Beleuchtung
- Fängt Atmosphäre des Originals gelungen ein
- Gute Weitsicht
- Ungebrochen spannende Geschichte…
- …mit herrlich kernigen Charakteren und Dialogen
- Exzellente Charakterimmersion
- Guter Wiederspielwert dank unterschiedlicher Fraktionen samt Verläufen
- Stabiles Angebot an Nebentätigkeiten
- Hoher Gesamtumfang mit bis zu 80 Stunden Spielzeit und mehr
- Hohe spielerische Freiheit mit spürbaren Konsequenzen
- Taktisch forderndes Kampfsystem
- Drei Schwierigkeitsgrade…
- …inklusive benutzerdefinierter Option und optionalem Permadeath
- Inhaltlich und spielerisch sinnvoll erweitert
- Stimmiger Soundtrack
- Grundsolide Bedienung via Gamepad

- Plattformübergreifend insgesamt mangelhaft optimiert
- Konsequent unfertiger Gesamteindruck
- Auf Konsolen lediglich mit maximal 30 Bildern pro Sekunde…
- …die allerdings ebenfalls nur selten konstant erzielt werden
- Absturzbedingt akut bedrohte Schnell- und Autospeicherstände
- Massive Fehler bei der Kollisionsabfrage
- Permanentes Aufpoppen von Schatten und Objekten innerhalb der Spielwelt
- NPCs wirken oft orientierungslos
- Zahlreiche Game-Breaker, unter anderem beim Spawnen handlungsrelevanter Charaktere
- Unschöne Probleme bei der Audiowiedergabe
- Visuell teilweise nicht mehr zeitgemäß (z.B. Texturen, Animationen)
- Durchwachsene Vertonung, die dem Original zumeist unterlegen ist
- Menüführung könnte stellenweise komfortabler sein
- Maus- und Tastatursteuerung erst nach manueller Nachjustierung brauchbar

Entsprechende Rezensionsmuster sind uns freundlicherweise von THQ Nordic zur Verfügung gestellt worden.
*Unsere Links werden nicht mit einer Monetarisierung versehen.
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