Overwatch 2

Über sechs Jahre galt Overwatch als optimaler Einstieg in das seitdem stetig wachsende Genre kooperativer Multiplayershooter und wurde seit seinem erfolgreichen Launch stetig um neue Inhalte erweitert. Bis zuletzt scharrte sich eine treue Community um den Titel, der nach sechs Jahren mit Overwatch 2 endlich seine Ablösung erhält. Angekündigte Inhalte wie PvE und KoOp werden zwar erst im kommenden Jahr nachgereicht, das Herzstück des Spiels – nämlich die Mehrspielerekomponente – ist aber bereits in vollem Umfang zugänglich. Eine Gesamtwertung ist daher zwar gegenwärtig noch nicht möglich, sehr wohl aber ein Blick auf sämtliche neuen Features.

 

Entwickler: Blizzard Entertainment

Publisher: Activision Blizzard

Plattform: PC | PS4 | PS5 | XB1 | XBS | NS

Veröffentlichungsdatum: 04. Oktober 2022

Preis: Free-2-Play 

Altersfreigabe: ab 12 Jahren


Ungeschnitten
Mikrotransaktionen


Ihre Zufriedenheit liegt uns am Herzen

Kaum ein anderes Spiel hat mir die Hochs und Tief kompetiver Wettkämpfe so intensiv vermittelt wie Overwatch. Das Hochgefühl, wenn die Wertung nach einer gewonnenen Partie um einige Punkte steigt, ebenso aber auch die tiefsitzende Frustration, wenn sich kurz vor der nächsten Liga Niederlage um Niederlage einstellt und man plötzlich wieder ganz weit von seinem Etappenziel entfernt ist. Klar, ein bisschen Glück ist immer dabei, schließlich dreht sich hier alles um das Zusammenspiel als Team. Da hat man gelegentlich gute Zufallsgruppen, manchmal aber auch nur Idioten in den eigenen Reihen. An diesem Prinzip ändert Overwatch 2 nichts, will aber mit neuen Einfällen dafür sorgen, dass chronische Störenfriede zukünftig konsequent draußenbleiben. 

Im neuen Modus „Schub“ kämpfen zwei Teams um einen mobilen Frachtroboter.

Damit das gelingt (und um das Spiel überhaupt starten zu können), verlangt Blizzard zwangsläufig die Koppelung an eine Mobilfunknummer. Wer also anhaltend negativ auffällt und im Worst Case den permanenten Bann kassiert, kann sich nicht einfach einen neuen Account erstellen, sondern bleibt über die Nummer identifizierbar. In den kommenden Wochen wollen die Macher zudem Audiotranskription in den Client implementieren, um schneller und besser auf toxisches Verhalten im Sprachchat reagieren zu können. Über maschinelles Lernen sollen Beleidigungen aller Art dann erkannt und entsprechend geahndet werden, die Daten im Anschluss sofort wieder gelöscht werden. Alles in allem eine gute Idee, die aber dennoch voraussetzt, dass ihr Blizzard zumindest temporär einige Daten anvertraut. Ob das System funktioniert, wird die Zeit zeigen. 

Sojourn rückt als Neuzugung bei den Schadensklassen Feinden mit ihrer Railgun auf die Pelle.

Gleichzeitig hat das Team um Game Director Aaron Keller, welcher die Nachfolge von Firmenurgestein Jeff Kaplan angetreten hat, sämtliche Ränge und Rahmen aus dem Nachfolger entfernt und auch die Anerkennung von Mitspielern nach Ende einer Partie wurde entschlackt: Lob lässt sich nur noch im eigenen Team verteilen und ist nicht mehr auf drei Kategorien aufgeteilt, sondern universell. Beides dient dem Zweck, ehemals hochrangige Spieler nicht von Anfang an bevorzugt zu behandeln und das allgemeine Miteinander innerhalb der eigenen Gruppe zu stärken. Sämtliche gewonnene Erfahrung fließt nun direkt in den Battlepass, den wir uns im weiteren Verlauf der Rezension noch genauer anschauen werden. Was die faire Gleichbehandlung und Belohnung guter Spieler angeht, gefällt mir aber gegenwärtig ebenso gut wie die verbesserten Maßnahmen zur Aussonderung von Trollen und Co. 

Alte und neue Tugenden

Overwatch ist tot, es lebe Overwatch 2! Nachdem der Launch am Abend des 04. Oktobers alles andere als glücklich verlief – es bildeten sich immense Warteschlangen, kurz darauf schmierten die Server komplett ab – hat sich das Geschehen mittlerweile weitestgehend normalisiert. Die komplett überarbeiteten Menüs wirken sauberer und zeitgemäßer, die Erreichbarkeit der jeweiligen Modi gleichbleibend gut zum Vorgänger. Im Heldenmenü herrscht dank größerer Blöcke und besserer Kategorisierung mehr Übersicht. Wer wie ich mehrere hundert Stunden Spielzeit im Vorgänger angesammelt hat, muss sich um seine mühsam zusammengetragene Sammlung von Skins, Emotes und anderen Belohnungen nicht sorgen: Alle bereits freigeschalteten Inhalte werden problemlos übertragen. 

Die aufgeräumten Menüs wissen zu gefallen. Statistiken und Co. wirken übersichtlicher und deutlich ansprechender.

Gleichzeitig müsst ihr euch mit Overwatch 2 nicht mehr darüber ärgern, dass ihr auf PlayStation oder XBOX freigespielte Inhalte auch nur dort nutzen könnt. Dank der Accountzusammenführung und übergreifendem Progress wird sichergestellt, dass ihr auf jeder einzelnen Plattform immer auf euren kompletten Kleiderschrank zugreifen dürft. Momentan müsst ihr euch bis zur erfolgreichen Zusammenführung aber auf Wartezeiten einstellen. Und dank Crossplay könnt ihr wie gehabt mit all euren Freunden zusammenspielen, ganz gleich auf welche Plattformen sich diese verteilen. Das Grundprinzip bleibt jedoch gleich, so kann eine ausschließlich aus PC-Spielern bestehende Gruppe auch weiterhin nur mit anderen PC-Spielern zusammengewürfelt werden. Sobald ein Konsolero mit an Bord ist, erweitert sich der Pool. Doe dort obligatorische Zielunterstützung ist aber nur solange aktiviert, wie kein PC-Spieler mitmischt. Klingt kompliziert, ist aber sehr sinnvoll. 

Kiriko ist als neue Heilerin mit von der Partie, muss abseits des kostenpflichtigen Battlepasses aber erst mühsam freigespielt werden.

Drei neue Helden ergänzen den bestehenden Kader. Junker Queen betritt die Schlachtfelder der Zukunft als Tank, hält Gegner mit ihrer Schrotflinte auf Distanz und belegt Gegner durch ihre Klingenangriffen mit Blutungseffekten, die nicht nur Schaden über Zeit verursachen, sondern uns denselben Anteil als Heilung bescheren. Sojourn kann als Schadensklasse einen kurzen Powerslide einlegen, Feinde im Zielbereich ihres Disruptiosschusses verlangsamen und schädigen und ihre mitgeführte Railgun ist auch auf mittlere Distanzen höchst effektiv. Als dritter und letzter Neuzugang freut sich der überschaubare Heilerpool mit Kimiko über dringend benötigte Verstärkung. Die Japanerin kann ähnlich gut an Wänden kraxeln wie ihr Landsmann Genji, heilt und stärkt Verbündete aus der Distanz mithilfe ihrer Talismane, nutzt Teleportation und setzt sich im Notfall mit Wurfmessern zur Wehr. Die neuen Helden fügen sich gut ins Geschehen ein und wirken zu keinem Zeitpunkt übermächtig. Gleichzeitig haben Bastion, Doomfist (neuerdings ebenfalls als Tank unterwegs) und Orisa komplette Reworks verpasst bekommen, die sich ebenfalls allesamt sehr gut anfühlen. Dazu gibt es für jede Klasse einen passiven Perk: Alle Heiler bekommen einen Selbstheilungseffekt, Schadensklassen bei Abschüssen mehr Bewegungs- und Nachladegeschwindigkeit und Tanks werden resistender gegenüber Rückstößen.

Kanada ist einer der vielen neuen Schauplätze des Spiels. Auch in der Zukunft wird Eishockey dort offenbar frenetisch gefeiert.

Neue Karten haben die Entwickler natürlich ebenfalls designt. Insgesamt acht neue Schlachtfelder ergänzen das bisherige Angebot über sämtliche Modi. Unter anderem in Rom kämpfen wir vor den Kulissen des alterwürdigen Colosseum, im kanadischen Toronto warten schneebedeckte Straßen und Rio de Janeiro wartet mit tropischem Flair auf die Ankunft der streitlustigen Helden. Genug frisches Futter, um nach langer Dürre endlich mal wieder was anderes als Dorado, Hanamura und Co. zu sehen. Dank der in Sachen Beleuchtung und Reflektionen ordentlich aufgehübschten Visuals lohnt sich aber auch auf altbekannten Karten ein erneuter Besuch. Schnelles Spiel und die kompetive Komponente bekommen mit Schub zudem einen neuen Spielmodus spendiert. Hier gilt es, die Kontrolle über einen mittig auf der Karte platzierten Roboter zu erobern und diesen dann zurück in die eigene Basis zu bringen. Gewonnen hat, wer den mechanischen Packesel zuerst ins Ziel führt. Sollte das keinem der beiden Teams vor Ablauf der Zeit gelingen, entscheidet die zurückgelegte Maximalentfernung. 

Mehr Spaß mit Battlepass?

Während der Vorgänger noch als Vollpreisspiel auf den Markt geworfen wurde und maßgeblich dazu beigetragen hat, das Prinzip der Lootboxen salonfähig zu machen, erscheint Overwatch 2 völlig kostenlos – egal ob ihr den Vorgänger besessen habt oder komplett neu ins Franchise findet. Statt das bewährte System mit den Zufallsprämien weiterzuführen (was situationsbedingt in manchen Ländern mittlerweile mit einem Veröffentlichungsverbot geahndet werden kann), setzen die Macher nun auf einen Battlepass, wie man ihn beispielsweise bei Call of Duty seit Jahren findet. Für Spieler und Entwickler ist das ein guter Kompromiss, denn zum einen kann man dank einsehbarer und vordefinierter Belohnungen sämtliche Gesetze bezüglich Casino- oder Glücksspielmechaniken umgehen, zum anderen wirken sich die ausgegebenen Objekte nicht auf die Spielbalance aus, sondern sind in der Regel rein kosmetischer Natur.

Das Zufallselement wurde in Overwatch 2 zwar gestrichen, die schönsten Kostüme gibt´s aber nur noch im kostenpflichtigen Premiumpass.

In der Konsequenz schafft Blizzard damit aber effektiv eine Zweiklassengesellschaft. Anders als in Call of Duty haben die Outfits für Spieler von Overwatch nämlich seit jeher einen wesentlich höheren Stellenwert und gelten wie auch die goldenen Waffen als Statussymbol. Die Entscheidung, hochwertige Outfits abseits eher unauffälliger Bekleidungsobjekte komplett auf die Bezahlkomponente auszulagern, dürfte eine Menge alteingesessener Spieler verärgern, die das Spiel über die letzten sechs Jahre maßgeblich am Leben erhalten haben. Diese nun zugunsten der „Generation Fortnite“ komplett aus ihren Gewohnheiten zu reißen, ist ziemlich frech. Aber genau deswegen ist Overwatch 2 eben auch ein Free-2-Play-Titel. Mit Dankbarkeit hat das nichts zu tun, sondern ausschließlich mit Gewinnmaximierung. Unter diesem Aspekt sollte man gerade als Veteran gut darüber nachdenken, ob man diese Praxis wirklich unterstützen will. Alles, was ihr saisonal verpasst, könnt ihr übrigens später über reguläre Ingamewährung nachträglich erwerben. Euch entgeht also zumindest dahingehend nichts. Die dafür nötigen Münzen verdient ihr über Challenges oder kauft diese im Shop gegen Echtgeld. Die bisher im Vorgänger angesammelten Coins könnt ihr weiterhin nutzen, lassen sich aber aller Voraussicht nach nicht für alle neuen Inhalte ausgeben.

Solder: 76 zählt zu den Urgesteinen in Overwatch und darf im Sequel natürlich nicht fehlen.

Und das alles ist irgendwo noch verschmerzbar, weil es das Gameplay wie bereits erwähnt unangetastet lässt. Was aber passiert, wenn man die neuen Helden wie bisher nicht direkt allen Spielern von Anfang an zur Verfügung stellt, sondern diese ebenfalls in den Battlepass integriert? Und genau da wird es endgültig ärgerlich, denn Blizzard hat genau das getan und lässt Inhaber eines Premiumpass direkt mit Kiriko loslegen, während Nichtzahler erst den langen Weg bis Level 55, also kurz vor Ende des Battlepasses bewältigen müssen, um ebenfalls mit der liebenswerten Heilerin ins Gefecht zu ziehen. Im kompetiven Spiel wird Kiriko so oder so erst später spielbar sein, aber auch in allen anderen Modi spielt man Team gegen Team. Wenn da einer rein aus Nichtzahlern bestehende Gruppe ein Riegel vorgeschoben wird, der Premiumpassbesitzer im Gegnerteam seinem Team mit den neuen Features einen gewinnbringenden Vorteil verschaffen kannst, wird die Balance dadurch komplett aus dem Gleichgewicht gebracht. Dem Pay-2-Win entgeht Blizzard damit GANZ knapp, aufgrund von Pay-2-Shortcut werden wir aber im kommenden Jahr bei unserer Gesamtwertung fünf Punkte abziehen. 

Die Technik der Zukunft

Blizzard hat die eigens für Overwatch programmierte Engine gehörig aufgemöbelt. Detailliertere Texturen, hübschere Charaktermodelle und die bereits erwähnten Verbesserungen bei Beleuchtung und Effekten können sich sehen lassen. Im Kern bleibt die kunterbunte Erfahrung aber comichaft und kann es gesamttechnisch zu keinem Zeitpunkt mit aktuellen Spielen aufnehmen, setzt sich aber grafisch wieder ein gutes Stück vor den Mitbewerber Valorant. Die Hardwareanforderungen bleiben genügsam, wer den Vorgänger problemlos am PC spielen konnte, wird das auch mit dem Sequel tun können. Auflösung und Bildrate bleiben ebenfalls gleich. Maximal 1080p bei 60 Frames auf PlayStation 4 und XBOX One und bis zu 4K und 120 Frames auf PlayStation 5 und XBOX Series X|S, während die Nintendo Switch mit 720p und mageren – aber immerhin überwiegend stabilen 30 Frames pro Sekunde – 720p das absolute Schlusslicht im Ranking bildet und gleichzeitig mit deutlichen Abstrichen bei der visuellen Qualität leben muss, was sich durchaus negativ auf das Crossplay auswirken kann.

Auf der betagten Nintendo Switch darf die Junker Queen ihren Ultimate nicht ganz so effektvoll einsetzen wie hier am PC.

Alle Versionen haben gemein, dass die Kantenglättung gegenwärtig sehr zu wünschen übrig lässt. Selbst in nativem 4K und maximalem Anti-Aliasing produzieren sämtliche Gebäude mitsamt Helden deutlich wahrnehmbare Unruhen an den Rändern. Hier muss dringend nachgebessert werden. Die Bedienung geht dafür anhaltend gut von der Hand und hat sich im Vergleich zum Vorgänger nicht geändert. Alle bekannten deutschen Sprecher – darunter auch ein paar Hochkaräter der hiesigen Synchronindustrie – sind wieder mit an Bord und hauchen ihren jeweiligen Charakteren einmal mehr Leben ein. Momentan mischen sich unter die Stimmen gelegentlich noch ein paar Sätze aus der englischen Originalfassung, aber das dürfte Blizzard zeitig aus der Welt schaffen und hat eher Seltenheitswert.

Overwatch 2 ist im Kern kein neues Spiel, will es aber auch gar nicht sein. Der Nachfolger des beliebten Mehrspielertitels fügt den bestehenden Inhalten neue Karten, Helden und Modi hinzu, präsentiert sich visuell aufgehübscht und lässt Spieler genau dort weitermachen, wo sie im mittlerweile abgeschalteten Erstling aufgehört haben. Dass es statt regulärer Lootboxen nun ein Battlepass-Modell gibt, dürfte aber nicht jedem gefallen – zumal sich die schönsten neuen Skins zukünftig ausschließlich hinter der Paywall verbergen und auch neue Helden von Nichtzahlern erst mühsam freigeschaltet werden müssen. Auf das eigentliche, immer noch zeitlos unterhaltsame Gameplay mag sich das zwar nicht auswirken, Pay-2-Shortcut ist das aber allemal. Ob man das unterstützen will, muss am Ende jeder Spieler für sich selbst entscheiden. Wer sich aber ausschließlich um das Gameplay schert, bekommt hier einen spürbar verbesserten und sinnvoll erweiterten Nachfolger geboten.

  • Ungebrochen unterhaltsame Mehrspieleraction
  • Umfangreicher Heldenkader mit Wiedererkennungswert
  • Abwechslungsreich gestaltete Karten
  • Sinnvoll überarbeitete Teamaufstellung
  • Schnelles Spiel, arcadige Action oder kompetiver Wettkampf: Für jeden Geschmack ist etwas dabei
  • Insgesamt exzellente Spielbalance
  • „Schub“ als spaßiger neuer Modus
  • Bereits freigeschaltete Inhalte aus Overwatch lassen sich problemlos übertragen
  • Vorbildliches Crossplay
  • Toller Soundtrack
  • Gute deutsche Sprecher
  • Zugängliche Bedienung über sämtliche Plattformen
  • Gewöhnungsbedürftiges Battlepass-System
  • Frühe Heldenfreischaltung mit Premiumpass ist nichts anderes als Pay-2-Shortcut
  • Die schönsten Outfits bekommt nur noch, wer zahlt
  • Gegenwärtig häufig komplette Serverabstürze…
  • …und teils extrem lange Wartezeiten
  • Extrem schwache Kantenglättung
  • Lokalisierungsfehler

Unser Bericht basiert auf den Erfahrungen mit der offiziellen Launchversion.

©2022 M-Reviews.de

Hinterlasse jetzt einen Kommentar

Kommentar hinterlassen

E-Mail Adresse wird nicht veröffentlicht.


*