The Dark Pictures Anthology: Man of Medan – „Horror auf hoher See“

                                                  Getestet von General M und Dante

                                                           Verfasst von General M 

815zNzsM UL. SL1500 Es gibt zu wenig Horror abseits von klassischen Genreveteranen wie Resident Evil – dachte sich zumindest Publisher Bandai Namco und kündigte Mitte des Jahres mit der Dark Pictures Anthology ein ganz neues Franchise an. Das Ziel: Interessierten Spielern in regelmäßigen Abständen mit immer neuen, unabhängig voneinander agierenden Geschichten so richtig das Fürchten lehren. Man of Medan ist der erste von insgesamt drei geplanten Titeln der Until Dawn – Macher von Supermassive Games. Ob der Überlebenskampf mitten auf dem Meer hält, was er auf dem Papier verspricht, haben wir natürlich ganz genau überprüft. Ist die Horrorhatz ein würdiger Nachfolger zum PlayStation 4 – Exklusivhit?

        Hinweis: Sämtliche Screenshots wurden auf der PlayStation 4 PRO aufgenommen. 

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Stürmische Gezeiten

Drei Jahre nach Ende des zweiten Weltkriegs verließ ein Militärfrachter der U.S. Armee China, um eine bedeutsame, kostbare Fracht zurück in heimische Gefilde zu bringen. Allerdings kam das Schiff nie in den Vereinigten Staaten an und gilt kurz nach dem Auslaufen als verschollen. Doch die Gerüchte, dass sich ein gewaltiger Schatz an Bord befand, machen seit jeher die Runde und wollen auch in der Gegenwart nicht verstummen. Hier will eine Gruppe von Jugendlichen eigentlich nur entspannt ihren Urlaub vor der Küste von Französisch-Polynesien verbringen und auf dem gemieteten Kutter zusammen mit Bootsbesitzerin Fliss gemütlich ein paar Bierchen zischen und ein bisschen tauchen. Mit dabei sind Aufreißer Conrad, seine Schwester Julia sowie die ungleichen Brüder Alex und Brad. 

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Was als gechillter Ausflug bei bestem Panorama beginnt, entwickelt sich für die Urlauber aber rasch zu einem gnadenlosen Horrortrip. Erst entdeckt das Pärchen Julia und Alex bei einem Tauchgang ein versunkenes Flugzeugwrack und kommt bei der gefährlichen Erkundung nur knapp mit dem Leben davon, dann wird der Kutter auch noch von einem Piratentrio überfallen und die Freunde als Geiseln genommen. Ein zunehmender Sturm zwingt Kidnapper und Opfer schließlich, das Boot nach einigen Auseinandersetzungen und Fluchtversuchen zu verlassen. Der plötzlich aus dem Nichts auftauchende Militärfrachter scheint sich als Unterschlupf anzubieten. Zwar entpuppt sich das Schiff auf den ersten Blick als menschenleer, doch nachdem die Besucher immer mehr grausam zugerichtete Leichen entdecken, ist die Panik groß.

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Alle sind sich einig: Der Seelenverkäufer muss so schnell wie möglich wieder verlassen werden. Doch eine Flucht scheint aussichtslos zu sein, denn Fliss´ Kahn ist vom Sturm stark beschädigt worden und nicht zuletzt hat der Leichenfrachter selbst scheinbar einiges dagegen, seine Gäste wieder lebendig von Bord zu lassen. Die Grenzen zwischen Freund und Feind verschwimmen immer mehr, grausame Visionen suchen erst die Piraten, dann auch die Teenies heim. Nun gilt es nicht nur, das düstere Geheimnis des Frachters aufzudecken, sondern vor allem die Nacht unbeschadet zu überstehen… 

Zwischen Daily Soap und Teeniehorror

Genug Filme und Spiele haben es über die Jahre vorgemacht: Ein verlassenes Schiff ist ein perfekter Ort für Angst und Schrecken. Dass sich Man of Medan dabei nicht gerade unauffällig bei Flicks wie Ghost Ship bedient, kann man verzeihen, denn genug eigene Handlungsideen sind definitiv vorhanden. Was genau für den Wahnsinn an Bord sorgt, wollen wir an dieser Stelle natürlich nicht verraten, nur soviel sei gesagt: Zur Abwechslung sind hier mal keine übernatürlichen Elemente oder gar Zombies am Werk, was die Sache definitiv bodenständiger und damit immersiver für den Spieler gestaltet. Die grundlegende Story ist tatsächlich nicht schlecht und bietet eine solide Basis für den knapp fünfstündigen Durchgang. Was auf den ersten Blick nach sehr wenig klingt, vervielfältigt sich aber dank des immens hohen Wiederspielwerts massiv. Denn Man of Medan bietet satte 69 Möglichkeiten, der Gruppe das Lebenslicht auszublasen.

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Die vom Spieler im Rahmen von Dialogen und abgeschlossenen Quicktimeereignissen tragen also maßgeblich zum Ausgang des Spiels bei. Gelingt es, alle sicher von Bord zu bringen? Vielleicht nur eine Handvoll? Oder lassen bei dem Horrortrip gar alle ihr Leben? Es sind nicht nur die großen, offensichtlichen Entscheidungen, die unter Zeitdruck getroffen werden müssen und die dann zentralen Einfluss auf den weiteren Spielverlauf haben. Denn oftmals reichen schon unauffällige Kleinigkeiten aus und man steht erst Stunden später vor einem Scherbenhaufen des Todes. Damit ist zwar einerseits viel Spannung geboten, andererseits aber auch eine Menge Frust. Denn wenn man sich in den offensiven Momenten nach Kräften abmüht, seine gegenwärtige Figur sicher von Bord zu bringen, nur um nachher festzustellen, dass man deren Schicksal eigentlich längst durch eine unkluge Dialogauswahl ganz zu Anfang besiegelt hat, ist das schon etwas unfair und lässt einen enttäuscht zurück. Dadurch entstehen aber trotzdem Überraschungsmomente, wie sie seit langem kein Spiel mehr produziert hat. Auf gute Weise gleichermaßen wie auf schlechte.  

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Gnadenlos durch fallen dafür die Charaktere, die so austauschbar und generisch wirken wie der günstig zusammengewürfelte Cast eines klassisch-anspruchslosen Teenieslashers. Die Sportskanone, der Nerd, der Ladykiller…Man of Medan scheitert leider völlig daran, neben der spannenden Story auch spannende Charaktere zu präsentieren, mit denen man sich irgendwie identifizieren kann oder von denen man das Gefühl hat, dass sie sich im Verlauf der Story angemessen entwickeln und sowohl als Individuum, aber auch als Teil einer Gruppe wachsen. Die durch und durch alle gängigen Klischees erfüllenden Mittzwanziger bleiben von Anfang bis Ende so blass und austauschbar, dass man im Falle eines plötzlichen Ablebens im Grunde nichts weiter fühlt als Gleichgültigkeit, ja oft sogar ein wenig hämische Freude darüber, dass weniger Überlebende ja auch weniger dämliche Dialoge in Soap-Qualität bedeuten. Dazwischen gibt es zwar ein paar gelungene Jumpscares, abseits der gruseligen Gesamtatmosphäre gibt es aber auch viele forcierte Wiederholungen, so dass manche der intendierten Schockmomente entweder schon von Anfang an, spätestens aber bei der gefühlt hundersten Ratten- oder Leichensichtung kaum mehr für Regungen sorgen. Hier hat Until Dawn sein Pulver nicht nur besser verteilt, sondern auch viel effektiver verschossen. 

Ruhe. Angst. Ruhe. Ruhe. Ruhe. 

Eines der größten Probleme bei Man of Medan war und ist für uns das schlechte Pacing, bzw. die Übergänge zwischen den einzelnen Szenen. Die Spannungskurve entwickelt sich einfach nicht konstant nach oben, sondern fährt munter zickzack. Nach intensiven, wunderbar gruseligen Momenten passiert oft lange Zeit gar nichts. Gerade noch sind wir getrennt vom Rest durch enge Korridore gehetzt und haben uns dem nackten Horror zunehmenden Wahnsinns gestellt, in der nächsten Szene sitzen die Überlebenden plötzlich wieder ganz entspannt beieinander und diskutieren das weitere Vorgehen. Der Übergang zwischen laut und leise geschieht dabei so ruckartig, dass man sich wie aus dem Film gerissen fühlt. Der Blick ist stets nach vorne gerichtet, niemand nimmt sich so recht die Zeit, mal zu reflektieren oder zu diskutieren, was er eigentlich gerade für ein Martyrium erlebt hat. Eben so, als wäre eigentlich gar nichts passiert. Stimmig ist anders, die Atmosphäre leidet. 

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Man of Medan kann man übrigens entweder ganz alleine bewältigen, oder sich gleich mit vier anderen Mitspielern auf einer Couch platzieren und den Controller dann von Charakter zu Charakter an den jeweils zugewiesenen Buddy weiterreichen. Online darf man als Duo mit einem Freund spielen. Auf die Weise macht das Spiel auch am meisten Spaß. Der Clou: Die Spieler erleben die Handlung meistens unabhängig voneinander und müssen sich über ihre Erlebnisse austauschen. Selbst wenn man mal gemeinsam unterwegs ist, passieren oft Dinge, die der andere Spieler gar nicht wahrnimmt. So erschreckt sich Dante immer mal wieder vor einem auftauchenden Schatten, den meine Figur aber gar nicht wahrnimmt. Daraus entsteht ein tolles, extrem spannendes Zusammenspiel mit exzellenter Dynamik. Die hat aber auch ihren Preis, denn wenn der andere Mitspieler mal dabei ist, eine Dialogentscheidung zu treffen, bekommt der übrige Partner (falls er gerade nicht auf Solopfaden wandelt) nichts weiter zu sehen als Leerlauf in Form einer Nahaufnahme. Das raubt Tempo und wirkt einfach unfreiwillig komisch. Probleme gibt es im KoOp aber auch anderswo, denn aufgrund der Tatsache, dass man nie genau mitgeteilt bekommt, wann das Spiel von einer Zwischensequenz zurück zum eigentlichen Geschehen wechselt, steht man nicht selten reglos im Raum und weiß erst dann wieder, dass es weitergeht, wenn einem das Spiel zu spät einen entsprechenden Hinweis darauf einblendet. 

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Blöd sind auch die Forced Camera – Perspektiven, die das Manövrieren in den engen Korridoren noch weiter erschweren als es die klobig-trägen Bewegungen der Charaktere ohnehin schon tun. Oft genug sind wir nur deswegen in die falsche Richtung gelaufen, weil einen die Kameraperspektiven komplett jedweder Orientierung beraubt haben. Und mehr noch: Auf engem Raum blockiert man sich auch noch dauernd gegenseitig die Laufwege. Hier leidet Man of Medan unter Kinderkrankheiten, die selbst ein klassisches Resident Evil nie in dieser Schwere gezeigt hat. Der erste Teil der Dark Pictures Antholgy ist ein klassisches Beispiel dafür, wie man sich trotz guter Ideen an jeder Ecke auch ebenso immer wieder durch nachlässige Umsetzung permanent Fallstricke legt, die den Spieler dauernd zu Boden werfen, wobei die Lust zum Aufstehen mit jedem Mal mehr nachlässt. 

Technikterror

Man of Medan entstand auf Basis der Unreal Engine 4, nutzt also ein anderes Technikgerüst als Until Dawn, wo noch die Decima Engine zum Einsatz kam – die ist nämlich ausschließlich für den Einsatz auf der PlayStation 4 gedacht. Dank Face Capturing sehen vor allem die Mimiken der Charaktere richtig klasse aus und wirken in den besten Momenten lebensecht.  Grandios auch die absolut stimmige Beleuchtung und das fantastische Spiel zwischen Licht und Schatten. Aussetzer gibt es nur wenige. Leider hatten wir das zweifelhafte Glück, bereits mehrere Wochen vor offiziellen Landenstart bemustert zu werden. Im Zustand der damaligen Version 1.01 war das Spiel aber technisch eine absolute Katastrophe und hätte, basierend darauf rezensiert, eine nicht minder katastrophale Wertung kassiert. Massive Leistungseinbußen auf den Konsolen, die sogar über den Rand der Unspielbarkeit hinaus gingen, dazu lästige Pop Up´s und Probleme beim Texturstreaming…in dem Zustand liefert sonst eher Bethesda Spiele aus. Ein Lob kann man aber von Anfang an der gelungenen deutschen Synchro zusprechen. Wer lieber im ebenfalls sehr gelungenen Originalton spielen will oder eine gänzlich andere Vertonung bevorzugt, bekommt neben der englischen Sprache auch noch ausreichend weitere Lokalisierungsoptionen geboten. 

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Zum Glück sind seitdem einige Patches nachgereicht worden, die sich den größten Kritikpunkten angenommen haben. Die deftigen FPS – Drops, die besonders das Finale komplett ruinieren konnten, sind behoben, aber nicht komplett aus der Welt. Kleinere Einbußen bei den auf Konsolen festgelegten 30 Bildern pro Sekunde gibt es immer mal wieder, die Gründe dafür sind nicht ersichtlich. Die Standardkonsolen sind davon ebenso betroffen wie die erweiterten Modelle, wobei PlayStation 4 und XBOX One dann doch häufiger davon heimgesucht werden. Nur auf dem PC wird man von diesen Einbrüchen verschont. Geblieben sind dafür die Texturnachlader, auch kommt es immer mal wieder zu Aussetzern bei den Animationen und auf den Konsolen stört man sich durchgehend an Schattenflimmern bei den Charakteren.

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Während die reguläre XBOX One in 900p auflöst und damit das Schlusslicht im direkten Vergleich darstellt, bringt es die PlayStation 4 immerhin auf natives Full HD. Größere Unterschiede lassen sich vor allem bei den erweiterten Modellen ausmachen, denn während die PlayStation 4 PRO in nativem 2K auflöst, schafft es die XBOX One X sogar, Man of Medan nativ in 4K auszugeben. Der Lohn: Die gegenwärtig leistungsstärkste Konsole der Welt bieten neben der ebenfalls mit 4K – Support versehenenden PC – Version das schärfste und schönste Spielerlebnis, wobei geschmeidige 60 Frames aber nur dem PC vorbehalten bleiben. Schlimm ist das aber nicht, denn als cineastische Erfahrung konzipiert ist die Bildrate hier anders als bei schnellen Actionspielen nicht wirklich von Belang. HDR unterstützen aber wie immer sämtliche Versionen über alle Plattformen. Dann kann´s aber im Spiel auch mal so dunkel werden, dass man die Hand vor Augen nicht mehr sieht. Trotz aller Verbesserungen seit unserer Bemusterung Anfang August: Bis uns Man of Medan auf technischer Ebene restlos überzeugen kann, ist seitens der Entwickler noch einiges an Arbeit nötig. Wir werden diesen Weg genau beobachten und gegebenenfalls basierend auf kommenden Patches nachträglich aufwerten. 

Fazit und Wertung

55957770 2311144785603906 1491509483245928448 o„Dante und der General sind am Ende hin- und hergerissen gewesen. Einerseits hat uns The Dark Pictures Anthology: Man of Medan einige der besten Jumpscares seit Dead Space geschenkt, andererseits hat es uns abseits des gelungenen, hochatmosphärischen Settings aber auch an fast allen Ecken und Enden enttäuscht. Es mangelt an interessanten Charakteren, um die man sich irgendwie scheren könnte. Zu groß ist der Leerlauf zwischen den schnell repetiven Schockmomenten. Und dann ist da auch noch die Technik, die einem ebenso oft nervige Steine in den Weg legt wie abgehackte Szenenwechsel, den daraus entstehenden Logikfehlern und frustrierende, weil wenig absehbare Konsequenzen. Am ehesten unterhaltsam ist das Spiel noch zu zweit – aber selbst hier ist dank vieler suboptimaler Designentscheidungen fürwahr nicht alles rosig. So macht das Sterben fast mehr Spaß als der verzweifelte Kampf ums Überleben. Das Urteil kann daher leider nur lauten: Ziel verfehlt. Mehr Glück beim nächsten Mal.“   

Mikrotransaktionen/Pay-2-Win: The Dark Pictures Anthology: Man of Medan verfügt über keinerlei Echtgeldinhalte oder bietet anderweitig Möglichkeiten, sich über zusätzliche Käufe spielerische Vorteile verschaffen zu können. Eine Abwertung findet diesbezüglich nicht statt. 

PRO: 

+ Spannender erzählerischer Ansatz 
+ Schaurig schöne Beleuchtung
+ Ein paar extrem fiese Jumpscares
+ Entscheidungen ziehen spürbare Konsequenzen nach sich
+ Enormer Wiederspielwert dank zahlreicher möglicher Enden
+ 69 verschiedene Todesszenen
+ Interessanter, funktioneller KoOp-Ansatz…
+ …der zur Kommunikation anregt…

+ …und Spieler das Geschehen auf eigene Weise erleben lässt
+ Nicht aufdringlich wirkende, sinnvoll integrierte QTE´s 
+ Gute deutsche (und englische) Sprecher
+ Unkompliziertes Bedienschema

CONTRA:

– Uninteressante, klischeehafte Charaktere
– Dialoge gerade anfangs auf Daily Soap – Niveau 
– Szenenwechsel oft abgehackt
– Auf effektreiche Sequenzen folgt oftmals langer Leerlauf
– Viele repetive Schockeffekte
– Konsequenzen ab und an unfair unersichtlich 
– Vertrackte Kameraperspektiven sorgen für Orientierungsfrust
– Spieler blockieren sich im KoOp oft gegenseitig
– Klobiges Manövrieren nervt vor allem in engen Passagen 
– Texturnachlader, Animationsaussetzer…
– …Schattenflimmern, Grafikfehler und Bildrateneinbrüche (Konsolen, Version 1.09)

                                     
                                               GESAMTWERTUNG:     
6.0/10

                                                        
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