Marvel´s Spider-Man: Miles Morales – „Ein kurzer Nachschlag“

                                                      Getestet und verfasst von General M 

81zB5QEyWXL. SL1500 Es ist nicht die Lizenz, die über ein gutes Spiel entscheidet, sondern was man daraus macht. Das gilt nicht nicht nur für das Marvel Cinematic Universe, sondern auch für dessen Videospiele. Während sich die langerwartete Adaption zu The Avengers gegenwärtig zu einem der teuersten Flops in der Geschichte von Square Enix mausert, kann sich der exklusiv auf PlayStation herumtreibende Spider-Man freuen: Nicht nur, dass der erste moderne Ausflug nach Manhattan zum Millionenseller avanciert ist, es regnete zusätzlich auch noch Auszeichnungen ohne Ende. Klar, dass die Fans nach mehr verlangen. Ein Wunsch, den Spider-Man: Miles Morales pünktlich zum Launch der PlayStation 5 erfüllen will. 

                   Hinweis: Sämtliches Bildmaterial wurde auf der PlayStation 4 PRO erstellt. 

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Auch eine Spinne braucht mal Urlaub

Knapp ein Jahr ist seit den Ereignissen des Vorgängers vergangen. Noch immer ist Peter Parker alias Spider-Man als freundliche Spinne aus der Nachbarschaft auf Heldenmission, hat aber mit dem ebenfalls von einer radioaktiven Spinne gebissenen Miles Morales einen neuen Verbündeten mit ganz ähnlichen Kräften gewinnen können. Trotz stetigem Training fällt es dem Schüler aber immer noch sehr schwer, seine Fähigkeiten optimal einzusetzen. Erschwerend hinzu kommt die Tatsache, dass Miles gerade erst mit Mama Rio nach Harlem gezogen ist, wo sich die Witwe prompt in den Wahlkampf um das Amt als Stadträtin stürzt. Zur gemütlichen Eingewöhnung in das neue Lebensumfeld bleibt jedoch nur wenig Zeit, denn als Superschurke Rhino aus dem Gewahrsam stiften geht und eine Schneise der Zerstörung durch New York zieht, müssen die beiden Netzschwinger gemeinsam in den Kampf ziehen. 

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Zwar gelingt es, das gepanzerte Ungetüm außer Gefecht zu setzen, mit dem Roxxon-Energiemagnaten Krieger taucht aber nur wenig später ein neuer, dubioser Charakter auf der Bildfläche auf. In einer Zeit, wo die Stadt mehr benötigt als nur einen Helden, verkrümelt sich Peter auch noch für einige Zeit ins Ausland, um Herzensdame Mary-Jane bei ihrer Arbeit als aufstrebende Journalistin zu helfen. Zum ersten Mal trägt Miles die alleinige Verantwortung dafür, dass die Bürger der Großstadtmetropole nachts ruhig schlafen können. Ein verdammt ungünstiger Zeitpunkt, denn als bewaffnete Milizen unter Führung des geheimnisvollen Tinkerers Roxxon und seinem Boss offen den Krieg erklären, kommt es auf den Straßen zu immer gewalttätigeren Auseinandersetzungen beider Fraktionen. Heldenalltag und Privatleben unter einen Hut zu bringen ist und bleibt eine verdammt schwierige Angelegenheit. Ob es Miles gelingen wird, über sich hinaus zu wachsen und aus dem Schatten seines großes Vorbildes zu treten?

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Große Innovationen spart sich Insomniac Games bei Marvel´s Spider-Man: Miles Morales. Ausnahmsweise ist das aber gar nicht schlecht, denn der Vorgänger agierte in vielerlei Hinsicht derartig nahe an der Perfektion, dass mehr vom selben manchmal sehr willkommen sein kann. Interessante neue Schurken, ein sympathischer Held mit Ecken und Kanten sowie eine sinnvoll erweiterte Spielewelt garantieren eingebettet in aufwendig gerenderte Zwischensequenzen viele neue Stunden Unterhaltung. Wobei, ganz so viele Stunden wie man es sich vielleicht erhofft hätte, bekommt man nun auch nicht geboten. Die Hauptgeschichte ist bereits nach guten acht Stunden beendet, wer sämtliche Nebenmissionen und Trainingseinheiten absolviert, kann vielleicht noch einmal vier Stunden draufpacken. Dass man es hier eher mit einer umfangreichen Erweiterung und weniger mit einem vollwertigen Sequel zu tun bekommen würde, haben die Entwickler bereits im Vorfeld kommuniziert. Diese aber zum Vollpreis anzubieten erscheint mir dann doch etwas…gewagt.

Die richtige Balance 

Dass sich der Ausflug nach Harlem trotzdem lohnt, steht außer Frage, denn in der relativ knapp bemessenen Hauptgeschichte verbirgt sich eine wunderbar erzählte Geschichte über Verantwortung, Selbstzweifel und typische Teenieprobleme. Miles Morales hat viel mit Peter Parker gemeinsam, entwickelt sich nach dem gemeinsamen Beginn aber in eine ganz eigene Richtung. Es ist immer eine Herausforderung, Herz, Humor und auch traurige Momente so zu dosieren und miteinander zu kombinieren, dass daraus am Ende etwas erinnerungswürdiges entsteht. Zwei Jahre ist es her, seit Marvel´s Spider-Man sein Debüt gefeiert hat und obwohl ich seitdem keine Gelegenheit hatte, erneut mit dem „Original“ durch Manhattan zu turnen, erinnere ich mich doch an so viele schöne Momente. Und das ist eine Menge wert, denn seitdem habe ich so viele Testberichte zu so vielen Spielen verfasst, manche davon liegen keine drei Monate zurück, sind aber trotzdem längst nicht so präsent wie der Kampf gegen Doc Ock und Co. 

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Marvel´s Spider-Man: Miles Morales frischt nicht nur Erinnerungen auf, sondern fügt viele neue hinzu. Wo der Vorgänger einen Titelheld präsentiert hat, der bereits zu großen Teilen in seine Rolle hineingewachsen ist, befindet sich Miles erst am Anfang seiner Reise. Er begeht Fehler, kommt mit seinen Kräften noch nicht so ganz zurecht und ist immer bemüht, es allen recht zu machen. Das alles sind sehr greifbare Aspekte – und keiner wirkt je aufgesetzt oder nur der Dramatik wegen forciert. Für die witzigsten Momente im Spiel sorgt aber Kumpel Ganke, der als enger Vertrauter neben Mentor Peter die einzige Person ist, die um Miles´ Geheimidentität weiß. Dem Technikfreak ist außerdem (offiziell) zu verdanken, dass die Bürger von Harlem sich via App mit ihren Problemen an Spider-Man wenden können, was die etwas repetiven Nebenmissionen des Vorgängers angenehm aufwertet. Hier hat man wirklich das Gefühl, dass selbst die kleinen Aufgaben irgendwie dazu beitragen, dass Miles mehr und mehr in die anfangs noch etwas zu großen Heldenschuhe hineinwächst. 

Eine elektrisierende Performance

Der „neue“ Spider-Man muss sich als storytechnisch nicht verstecken, steht seinem Mentor aber auch in Sachen Kampftricks in nichts nach. Wer das flotte Freeflow-System des Vorgängers bis zur Perfektion verinnerlicht hat, kann hier alle Tutorials zu den Basics getrost überspringen. Trotz des extrem hohen Tempos verliert man nie die Übersicht über das Geschehen, egal gegen wieviele Gegner es Miles gleichzeitig aufnehmen muss. Im späteren Spielverlauf kann sich Spider-Man sogar kurzzeitig komplett unsichtbar machen, was die heimliche Komponente deutlich gewichtiger wirken lässt. Lautloses Ausschalten von Gegnern wird dadurch zur waschechten Alternative. Aber auch im Kampf ist es eine gute Gelegenheit, kurzzeitig sicheres Terrain zu betreten und das Vorgehen neu zu planen. Ob ihr davon Gebrauch machen wollt, oder weiterhin den direkten Kampf bevorzugt, bleibt aber ganz euch überlassen. Beides funktioniert alleine für sich genauso gut wie miteinander kombiniert. 

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Das ist aber glücklicherweise nicht das einzige, was Miles´ Repertoire an Exklusivität zu bieten hat. „Bioelektrik“ ist das Zauberwort, dass in einer ganzen Palette schlagkräftiger neuer Moves resultiert. Die dazugehörige Ressource nennt sich „Venom-Energie“ und lädt sich im Kampf automatisch auf. Je höher ihr den Kombozähler treibt, ohne dabei getroffen zu werden, desto schneller könnt ihr per Knopfdruck einen von mehreren mächtigen Angriffen. All das erinnert auch dieses Mal nicht ganz zufällig an die aus den jüngeren Batman-Titeln bekannten Mechaniken, aber selbst ich muss als großer Fan des Dark Knight zugeben, dass Insomniac das Prinzip wirklich perfektioniert haben. Über den umfangreichen, in drei Kategorien aufgeteilten Talentbaum könnt ihr die neuen Angriffe mit zusätzlicher Power versehen. Die dafür nötigen Skillpunkte werden auch dieses Mal bei jedem Levelaufstieg spendiert. Erfahrung bezieht ihr aus nahezu sämtlichen Quellen. Das Balancing stimmt, so dass man die mächtigsten Verbesserungen wirklich erst gegen Ende des Spiels zur Verfügung gestellt bekommt. 

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Und was wäre ein Spider-Man ohne ein ganzes Arsenal cooler Kostüme samt dazugehöriger Perks? Dem regulären Outfit zu entkommen ist angesichts der zahlreichen stylischen Alternativen gar kein Problem. Hier bietet Insomniac wirklich Fanservice Deluxe. Zu den insgesamt neunzehn freischaltbaren Outfits zählt unter anderem auch die Animated Suit aus dem mit dem Oscar™ prämierten Into the Spider-Verse und (mein persönlicher Favorit) die Bodega Cat Suit, die sich zusammen mit einer maskierten Katze präsentiert. Großartigen Grind muss man dafür aber nicht über sich ergehen lassen. Die Progressmechaniken sind absolut fair. Etwas mehr Anspruch bei den Kämpfen hätte ich mir aber auch dieses Mal wieder gewünscht. Wirklich fordernd ist auch Miles Morales´ Abenteuer nicht geraten. Da muss man ganz ehrlich sagen: Was nützen einem die fettesten Skills, wenn man die nie wirklich klug agierende K.I. auch mit regulären Angriffen beherrschen kann? Übrigens, toll inszenierten Bosskämpfe gibt es auch dieses Mal wieder, allerdings gerade einmal vier an der Zahl. Da hätte definitiv ein bisschen mehr drin sein können. 

Auch auf der Last Generation stark

Wer gegenwärtig zu den hunderten oder gar tausenden Spielern zählt, die aller Voraussicht nach noch eine Weile auf ihre PlayStation 5 warten müssen zählt, muss nicht verzweifeln. Auch auf der PlayStation 4 schwingt Spider-Man durch ein eindrucksvoll in Szene gesetztes Harlem, welches sich angenehm von dem ebenfalls erkundbaren (aber im Aufbau nahtlos übernommenen) Manhattan. Auf den Gehwegen tummeln sich zahlreiche Passanten, die nicht selten ehrfürchtig auf unser Auftauchen reagieren, dazu gesellt sich dichter Verkehr. Im direkten Vergleich mit dem Vorgänger fällt auf, dass die NPC´s deutlich vielfältiger gestaltet worden sind, weshalb man nicht mehr ganz so vielen Klonen begegnet. Mit den bekannten Aussetzern beim K.I.-Verhalten muss man aber weiterhin leben. Nicht selten bleibt ein Passant in einem Hindernis stecken oder rennt stur dagegen an. Miles selbst darf sich dagegen über komplett eigene Animationen freuen. Und wer sich ganz sicher ist, dass Peter Parker vor zwei Jahren noch ganz anders ausgesehen hat, irrt nicht. Über das Rework kann man streiten, mich persönlich stört der neue Look aber nicht. 

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Das winterliche Setting taucht die beiden Bezirke erstmals in nasskaltes Ambiente, aber auch ohne das Ray Tracing der PlayStation 5 überzeugen Reflektionen und Effekte durch hohe Qualität. Besitzer einer PlayStation 4 PRO freuen sich über nahezu durchgehend stabile 30 Frames pro Sekunde bei nativ aufgelösten 1440p, die anschließend auf 4K hochskaliert werden. Klar, das Ergebnis kann nicht mit vollwertigem 4K mithalten, sieht aber dennoch extrem gut aus. Immerhin 1080p werden auf der regulären PlayStation 4 noch erreicht, angepeilt werden auch hier 30 Frames pro Sekunde, die aber nicht durchgehend gehalten werden können. Trotzdem muss man anerkennen, dass Insomniac Games hier wirklich das letzte bisschen Leistung aus den beiden Konsolen gekitzelt haben. Alleine die in Echtzeit gerenderten Charaktere sehen super aus, auch wenn man deutlich merkt, dass dieses Niveau im regulären Gameplay wieder etwas heruntergeschraubt wurde. Letzten Endes ist Spider-Man: Miles Morales hauptsächlich auf der PlayStation 4 entwickelt worden und wird für deren Nachfolger lediglich optimiert. 

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Wer es also gar nicht mehr erwarten kann, darf bedenkenlos schon jetzt loslegen. Natürlich freuen wir uns dennoch darauf, das Spiel auf der kommenden Hardwaregeneration erneut ausprobieren zu können und dann in Form eines Kurztests von unseren Eindrücken zu berichten. Besonders die zusätzlichen Features des DualSense und die Option für Echtzeitspiegelungen sind vielversprechend. Aber auch ohne diese technischen Spielereien ist Spider-Man: Miles Morales ein fantastischer Nachschlag geworden, der auf fast allen Ebenen überzeugt und dank fantastischem Soundtrack und exzellenten deutschen Sprechern auch abseits von Grafik, Gameplay und Story zu punkten weiß. Lediglich ein paar Bugs im Gameplay müssen die Entwickler noch nachträglich beseitigen. Aber auch hier kann Entwarnung gegeben werden: Richtige Gamebreaker sind uns über den gesamten Spielverlauf nie untergekommen. 

Fazit und Wertung

55957770 2311144785603906 1491509483245928448 o„Ja, man kann darüber streiten, ob eine durchschnittlich acht bis zehn Stunden lange Erweiterung wirklich sechzig Euro wert ist – selbst, wenn sie wie in diesem Fall so unglaublich gut ist. Mit Miles Morales wirft Insomniac Games einen neuen Helden ins Spiel, der abseits davon aber bereits seit einigen Jahren erfolgreich die dazugehörigen Comics unsicher macht. Dank der tollen Regie wird die Entwicklung des Schülers glaubwürdig dargestellt. Hier hat man erneut geschafft, ein Spiel auf Kinoniveau abzuliefern. Die intuitiven Kampfmechaniken machen ungebrochen Spaß und warten mit einigen coolen neuen Features auf, abseits der Hauptgeschichte lädt der neue Stadtteil Harlem im winterlichen Ambiente zum Entdecken ein. Technisch bekommt man auf der PlayStation 4 bereits einiges geboten, muss also nicht zwingend auf den Nachfolger warten, ehe man sich einmal mehr in eines der besten Spiele auf Heldenlizenzbasis stürzen darf, die es gegenwärtig auf dem Markt gibt.“ 

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PRO:

+ Detailverliebt in Szene gesetztes Harlem als neuem Schauplatz…
+ …aber auch Manhattan kann nach Herzenslust neu entdeckt werden
+ Auf den Straßen herrscht viel Leben
+ Fantastische Beleuchtung
+ Hübsch anzusehende Effekte
+ Mit gutem Gespür für Witz, Herz und Verstand erzählte Geschichte
+ Glaubwürdiger, sympathischer Held mit Ecken und Kanten
+ Schurken agieren auf bestem Comicniveau
+ Spürbar verbesserte Nebenmissionen
+ Extrem temporeiches, aber trotzdem intuitives Kampfsystem…
+ …mit gelungen implementierten neuen Fertigkeiten
+ Offener Kampf und Heimlichkeit führen gleichermaßen zum Erfolg
+ Umfangreiche Talentbäume…
+ …und zahlreiche freischaltbare, teils herrlich ausgeflippte Outfits
+ Hervorragende deutsche Sprecher
+ Filmreifer Soundtrack
+ Eingängige Steuerung

CONTRA:

– Für sechzig Euro relativ kurz
– Weniger Bosskämpfe als im Vorgänger

– Spielerischer Anspruch weiterhin sehr gering
– Gegner reagieren vorhersehbar 
– Immer wieder Aussetzer bei der Passanten-K.I., unter anderem bei der Kollisionsabfrage…
– …und trotz Verbesserungen sind immer noch viele Klone unterwegs
– Gelegentlich offensichtliche, aber immerhin nicht schwerwiegende Bugs


                                                 GESAMTWERTUNG:     8.8/10

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