Sniper Ghost Warrior Contracts 2 – „Knapp vorbei ist auch daneben“

                                                     Getestet und verfasst von General M 

81O1x gfJGL. SL1500 Mit Metro Exodus, The Witcher III: Wild Hunt und Co. haben osteuropäische Studios längst bewiesen, dass sie mit den westlichen Platzhirschen der Industrie locker mithalten können. Die polnische Spieleschmiede CI Games hat sich dagegen bis zu ihrer Neustrukturierung samt Umbenennung einen eher zweifelhaften Ruf als Fließbandproduzenten billiger Shooter bewiesen. Mit Sniper Ghost Warrior Contracts 2 geht die langlebigste und erfolgreichste Reihe des Hauses jetzt in eine neue Runde. Verbesserungen bei Technik und Gameplay sollen Scharfschützenfans erneut anlocken. Tatsächlich macht der Nachfolger zu Ghost Warrior Contracs Spaß, wenn man über die zahlreichen Detailschwächen hinwegsehen kann. Welche das sind, klärt unser Test mit Adleraugen.

                     Hinweis: Sämtliches Bildmaterial wurde auf dem PC aufgenommen. 

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Die Welt in Gefahr

Eine Diktatur irgendwo im Mittleren Osten, mächtige Strippenzieher im Hintergrund und ein sich anbahnender Konflikt mit dem Nachbarland, der die Ölpreise in die Höhe treiben könnte. Für den Rest der Welt trotzdem kein Grund, groß aktiv…Augenblick! Die Ölpreise steigen?! Mobilisiert die Armee! Weil ein Großaufgebot an Soldaten aber etwas zu auffällig wäre, schickt man kurzerhand Meisterscharfschütze Raven klammheimlich ins Feindesland. Der soll nach dem Tod des Lokaltyrannen jetzt auch die ihm ins Amt nachgerückte Gattin samt deren Helfershelfer aus dem Ausland ausschalten, um der Region wieder Stabilität (und dem Rest der Welt Billigbenzin) zu bringen. Im Grunde ist das bereits die ganze Story des Spiels. Und so banal wie sich das alles anhört, irgendwie ist das gemessen an den tatsächlichen Konflikten unserer Gegenwart gefühlt eines der realistischsten Szenarios, die seit langem in einem Shooter aufgefahren worden sind. Schon verdammt traurig, oder?

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Wenn wir mal ehrlich sind, fährt ein Call of Duty ja auch nicht mehr auf und wird trotzdem jährlich zum Millionenseller. Dort gibt man sich aber abseits der umfangreichen Mehrspielerkomponente wenigstens noch Mühe, Solisten ein kurzweiliges Bleigewitter mit halbwegs durchdachten Charakteren zu präsentieren. Was das angeht, präsentiert sich Sniper Ghost Warrior Contracts 2 aber so leer wie das Bildungskonzept von RTL II. Während man sich beim Intro noch stark von einem Modern Warfare hat inspirieren lassen – very britischem Einsatzleiter inklusive -, wird spätestens nach ein paar Stunden im eigentlichen Spiel klar, dass sich unter der Oberfläche der insgesamt fünf weitreichenden, durchaus abwechslungsreich gestalteten Areale handlungstechnisch im Grunde völlige Leere verbirgt. Die Ziele sind kaum mehr als Bildchen mit Namen daneben. Selbst Hitman hat sich im Rahmen der als Beiwerk zum eigentlichen Spiel konzipierten Sniper Assassinations die Zeit genommen, jeden Schurken mit einer umfassenden Vita zu versehen.

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Hier bleiben die jeweiligen Motive der Bösewichte völlig im Dunkeln, während Scharfschütze Raven, in dessen Haut wir im Verlauf des circa zehnstündigen Abenteuers schlüpfen, als genauso blasse Figur ohne wirkliche Persönlichkeit spätestens mit dem Abspann wieder komplett aus dem Spielergedächtnis verschwindet. Allesamt Kritikpunkte, die auch jedem Vorgänger und im Grunde allen anderen Spielen der Warschauer Entwickler stets angekreidet worden sind. Entweder findet man einfach keine guten Skriptschreiber, oder es ist den Machern schlichtweg egal. Nun könnte man erwidern, dass man für knapp vierzig Euro Verkaufspreis halt keinen spielbaren Epos á la Hollywood erwarten darf, allerdings hat die Vergangenheit immer wieder eindrucksvoll gezeigt, dass man heute auch für kleines Geld große Geschichten kriegen kann. Davon ist Sniper Ghost Warrior Contracts 2 allerdings so weit entfernt wie die SPD von der absoluten Mehrheit im Bundestag. 

Hab dich! 

Warum Genrefans trotzdem einen Blick auf das Spiel werfen sollten, liegt am gewohnt guten Gunplay der Reihe, welches hier um einige sinnvolle Neuerungen ergänzt worden ist. CI Games ist dem Ruf der Spieler nach mehr Einsteigerfreundlichkeit nachgekommen und bietet insgesamt vier verschiedene Schwierigkeitsstufen, zwischen denen man vor jedem erneuten Betreten einer Region frei wählen darf. Auf der leichtesten Stufe markiert ein Leuchtpunkt den Einschlagsort unserer Kugel, Entfernung und Windgeschwindkeit werden dabei automatisch einberechnet. Gegner verursachen in direkten Schusswechseln weniger Schaden und reagieren weniger aufmerksam auf Geräusche. Im schwersten Modus muss der Spieler dagegen ohne alle Hilfen auskommen und tritt gegen höchst wachsame Gegner mit überlegener Feuerkraft an. Hier bedeutet das Auslösen des Alarms meist den sicheren Tod des Spielers. Umso ärgerlicher, dass man während des Spiels auch weiterhin nicht nach Belieben speichern darf. 

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So oder so, direkte Konfrontationen mit dem Feind sollten in einem Scharfschützenspiel eigentlich komplett vermieden werden. Trotzdem zwingt uns der Entwickler immer wieder in Situationen, wo wir statt unserem treuen Gewehr zur schallgedämpften Pistole, MP oder Kampfmesser wechseln müssen. Denn selbst im einfachsten Modus sind die Gegner unrealistisch gut über unsere Position informiert, wenn wir erstmal einen alarmierenden Schuss abgegeben haben. Obwohl wir aus über einem Kilometer Entfernung den Abzug betätigen, schwirren feindliche Armeen direkt in unsere Richtung aus, wenige Sekunden später wird unsere Position mit Mörserfeuer eingedeckt. Zwischendurch haben wir die Option, Gegner mit vorgehaltener Klinge in den Schwitzkasten zu nehmen und sie vor ihrem (alternativlosen) Ableben um Informationen zu unseren Hauptzielen erleichtern. Dabei gilt: Je höher der Feindesrang, desto brauchbarer sind die Auskünfte. Nur sind die nur selten nützlich, denn in welchem Areal sich die Obermotze aufhalten, wissen wir ohnehin von Anfang an. 

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Dafür bietet Sniper Ghost Warrior Contracts 2 mehr kreative Möglichkeiten bei deren Beseitigung. Auch hier haben sich die Macher kräftig bei Hitman bedient. Statt jedem Gegner einfach eine Kugel in den Kopf zu jagen, können wir nahegelegene Explosivkisten in die Luft jagen, oder schwere Transportcontainer direkt über dem Ziel zum Absturz bringen. Die Optionen sind zahlreich, geduldiges Observieren von Bewegungsabläufen sowie der Umgebung via Fernglas resultieren oft in befriedigerenden Kills als stumpfes Drauflosballern bei der erstbesten Gelegenheit, zumal das Spiel taktisches Vorgehen im Rahmen der Haupt- und Nebenmissionen immer mit harter Währung und Ausrüstungsmarken belohnt, die wir im Anschluss in mehr Feuerkraft oder Perks investieren können, wodurch sich die nächste Mission gleich ein bisschen entspannter angehen lassen kann. Diesbezüglich ist also definitiv Wiederspielwert vorhanden, auch wenn gerade die Talentbäume eher dürftige Auswirkungen auf das Gameplay haben. 

Der Preis des Erfolges

Altbekannte Helferlein wie Sprengstoff und Minen stehen uns natürlich auch dieses Mal wieder zur Verfügung, neu ist dagegen die Möglichkeit, verschiedene Munitionstypen in den Ballermann zu laden. Köder-, Explosiv- und Präzisionsflugmunition sind aber extrem rar gesät und sollten, wenn denn überhaupt vorhanden, nur in notwendigen Situationen eingesetzt werden. Präsenter ist da schon die neue Drohne, mit der wir Kamerasysteme hacken oder Gegner aus der Luft markieren können. Aufgrund der sich rasend schnell verringendernden Batteriedauer eignet sich der Fluggefährte aber nur für kurze Einsätze. Ebenfalls neu ist der halbautomatische Geschützturm, der frei platziert über Fernsteuerung bis zu drei markierte Ziele auf Knopfdruck ausschalten kann. 

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Leider muss das Arsenal des Spiels komplett ohne Lizenzen echter Waffenhersteller auskommen, an realen Vorbildern hat man sich bei sämtlichen Designs dennoch orientiert. Handhabung und Wirkungen unterscheiden sich je nach Aufsätzen teilweise erheblich voneinander, was zum Experimentieren einlädt. Letztendlich ist nichts befriedigender als ein sauber ausgeführter Schuss mit einem zuvor optimal abgestimmten Schießprügel. Die jeweils besten Modelle einer jeden Kategorie samt Accessoires versteckt Entwickler CI Games aber leider noch aggressiver als in den Vorgängern hinter Bezahlschranken. Ohne Echtgeld läuft hier gar nichts, zwischen knapp fünf und zehn Euro werden pro Paket fällig, womit man kombiniert mit dem Hauptspiel schon wieder recht nahe bei einem Vollpreistitel wäre. Das ist nichts anderes als Pay-2-Win in Reinkultur und wird von uns mit fünf Punkten Abzug von der Gesamtwertung geahndet. 

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Erschwerend hinzu kommt die Tatsache, dass die hiesige Version für sämtliche Plattformen vorab zensiert worden ist. Laut CI Games fürchtete man, sonst keine Jugendfreigabe zu erhalten. Dabei muss den Machern komplett entgangen sein, dass selbst Mortal Kombat, Wolfenstein und Co. seit geraumer Zeit komplett unzensiert bei uns erhältlich sind und die Sittenwächter längst deutlich liberalere Kurse bei der Einstufung fahren. So entfernte man kurzerhand die Möglichkeit, Körperteile abschießen zu können. Auch Blut hat man wie in den alten Tagen entfernt. Davon abgesehen, dass diese Effekte gar nicht mal sonderlich gut aussehen, am Ende darf der Titel trotzdem nur an Erwachsene verkauft werden. Ich bin mir mehr als sicher, dass es der unzensierten Variante genauso ergangen wäre. Hat man hier denn ernsthaft auf eine Freigabe ab sechzehn Jahren spekuliert?

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Sei es drum, ein kleiner Eingriff in die Spieldaten stellt zumindest auf dem PC wieder den Urzustand her. Wie genau das geht, lässt sich im Netz problemlos recherchieren und wird sogar im Subforum von Steam beschrieben. Konsolenspieler müssen einfach nur Region und Sprache ihres Kontos auf ein Land außerhalb Deutschlands einstellen und bekommen dann ebenso wieder das volle Paket geboten. Sprachlich muss man dafür keinerlei Einbußen befürchten, denn die deutschen Untertitel bleiben auch danach erhalten. Gesprochen wird sowieso nur auf Englisch, immerhin hier hat CI Games auf Qualität geachtet und fährt durchaus brauchbare Sprecher auf, wogegen der Soundtrack ziemlich generisch geraten ist und kaum mehr zu bieten hat als thematisch ähnlich gestrickte Kollegen aus allen Mediensparten. Frei nach dem Motto: Wo eine Wüste ist, ist die Schalmei auch nicht weit. Gähn. 

Technik nur Mittelmaß

Nachdem unsere lieben Kollegen von der Pressestelle uns zeitig zum Release wie gewünscht ein Muster für die XBOX zur Verfügung gestellt hatten, bot sich nach erfolgter Installation zunächst ein bitteres Erwachen. Die für Series X|S verbesserte Version weigerte sich zunächst beharrlich, als solche erkannt zu werden, zum Glück schaffte der Entwickler das Problem zügig aus der Welt. Nur wurde es danach nicht viel besser. Bildratenprobleme auf der einen Seite, tonnenweise Bugs und Glitches auf der anderen. Kurzum: Sniper Ghost Warrior Contracts 2 bewegte sich auf jeder Ebene am Rande der Unspielbarkeit und war in dieser Form beim besten Willen nicht zu bewerten. Also wichen wir kurzerhand auf die wesentlich besser optimierte PC-Version aus, auf der unser Test schlussendlich basiert. Denn geblieben wäre uns sonst nur ein Rezension auf der Last Generation, schließlich läuft das Spiel über die PlayStation 5 lediglich nur über Abwärtskompatibilität, ist also abseits hier angepeilter 4K-Auflösung darstellungsgleich zu sämtlichen Vorgängerkonsolen. 

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Zum Glück trudelte kurz vor Redaktionsschluss doch noch ein größeres Updates für die XBOX Series X|S ein, welches einen Großteil der Probleme aus der Welt schafft. Hier läuft nun sowohl der Grafikmodus in 4K bei 30 Frames pro Sekunde als auch der Performancemodus in 2K/60 nun so, wie er jeweils soll. Ferner wurden viele spielinterne Probleme, darunter Gamebreaker, erfolgreich behoben. So können wir auch die Konsolenfassungen vollständig in unsere Wertung einfließen lassen und die Macher kommen nochmal mit einem blauen Auge davon. Aber egal, welche Konsole ihr bei euch stehen habt und wie gut euer PC auch ausgestattet ist, einen wirklich zeitgemäßen Eindruck macht das Spiel nie. Obwohl das Studio im Umgang mit der Cry Engine über die Jahre genug Erfahrung gesammelt haben müsste, um deren Stärken angemessen in Szene zu setzen, bleibt es trotz Verbesserungen im Vergleich zum etwas über zwei Jahre alten Vorgänger technisch weiterhin höchstens beim Mittelmaß. 1080p und 30 Frames pro Sekunde sind auf Konsolen der letzten Generation maximal möglich, große Optimierungen für XBOX One X und PlayStation 4 PRO hat man sich im Grunde gespart, auf dem PC mangelt es dafür an ausreichend Optionen zum visuellen Feintuning und selbst die Series S dümpelt auf dem Niveau der Last Generation und wurde nicht ihren Möglichkeiten entsprechend angepasst. 

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Detailarme Texturen, findet man in der weiten, offenen Landschaft fast überall, auch die Gegnermodelle sind bei genauem Hinsehen nicht gerade mit knackscharfen Details versehen worden. Beleuchtung und Vegetation sehen dagegen brauchbar aus, dafür liegt man in Sachen Partikeleffekten weit hinter den aktuellen Möglichkeiten zurück. Dazu gesellen sich besonders auf den alten Konsolen relativ lange Ladezeiten und teils wankelmütige Bildraten – hier besonders bei den veralteten Standardmodellen. Auf XBOX Series X und PlayStation 5 sowie PC´s mit verbauter SSD wird zwar schneller geladen, ein visuelles Feuerwerk brennt CI Games aber dort genauso wenig ab. Bei der Steuerung sehe ich den PC dieses Mal hauchfein vor allen Mitbewerbern. Die Präzision der Maus ist gerade auf höheren Schwierigkeitsstufen absolut uneinholbar und kann von den jeweiligen Gamepads nicht kompensiert werden. Dafür geht dort die allgemeine Charakterbewegung besser von der Hand. Aber was nützt es, sich punktgenau durch Wüste und Wälder zu schleichen, wenn der bedeutsame Abschuss dann aufgrund von Präzisionsschwächen misslingt und man den Missionsabschnitt ohne freie Speicherfunktion genervt neu laden muss? 

Fazit und Wertung

profilbildapril„Sniper Ghost Warrior Contracts 2 mag besser als sein Vorgänger sein, ist dadurch aber trotzdem noch kein gutes Spiel. Wenn selbst der aktuelle Prospekt von ALDI mehr Handlung bietet, müssen es zumindest Gameplay und Grafik retten. Tatsächlich macht die Schurkenjagd dank der vielen kreativen Abschussmöglichkeiten und des vor allem auf höheren Schwierigkeitsgraden realistischen Waffenhandlings viel Spaß und bietet dank vielseitig konfigurierbarer Loadouts sogar einen gewissen Wiederspielwert – auch wenn mir die K.I. trotz Anpassungen immer noch zu übermächtig erscheint. Technisch bleibt der Titel auf allen Plattformen schwach, unnötige Vorabzensur und unverholenes Pay-2-Win sind zusätzliche Nervattribute. Dann drehe ich doch lieber weiterhin meine Runden in Sniper Elite 4 oder genieße die Aussicht über Schloss Himmelstein in Hitman. Fairer, schöner und stimmiger als dieses uninspirierte Spiel ist beides allemal.“ 

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PRO:

+ Fünf weitläufige, abwechslungsreich gestaltete Areale
+ Sniping fühlt sich serientypisch angenehm realistisch an
+ Hauptziele lassen sich auf vielfältige Art um die Ecke bringen
+ Umfangreicher Pool aus Gadgets, Waffen und Aufsätzen
+ Challenges motivieren zu erneuten Durchgängen
+ Vier Schwierigkeitsgrade für Einsteiger bis Vollprofis
+ Brauchbare (englische) Sprecher

CONTRA:

– Banale Story
– Blasser Held, völlig uninteressante Schurken
– Technisch auf allen Plattformen schwach
– Auch nach erstem großen Update noch viele Bugs und Glitches

– K.I. im Vergleich zum Vorgänger immer noch zu übermächtig
– Erster Hauptzielabschuss deaktiviert Schnellreise
– Perks wirken sich nur sehr gering auf´s Gameplay aus
– Verhältnismäßig schnell durchspielbar
– Deutsche Version unnötig zensiert
– Kein freies Speichern
– Abschüsse via Gamepad sind ohne Zielhilfen sehr frustanfällig
– Pay-2-Win

                                             GESAMTWERTUNG:     5.7/10
                                                                                                        (um fünf Punkte abgewertet von 6.2/10)

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