My Hero One´s Justice 2 – „Neue Helden braucht das Land“

                                                      Getestet und verfasst von General M

81Ov w0F8YL. SL1500 Bereits seit mehreren Jahren begleiten wir mit großem Erfolg alles um My Hero Academia. Das weltweit beliebte Franchise basierend auf dem Manga von Kohei Horikoshi existiert mittlerweile nicht nur in Form eines Anime, auch ein Kinofilm und natürlich auch eine Videospielumsetzung sind erhältlich. Letzteres konnte uns in unserem Test vor knapp zwei Jahren aber nur mäßig begeistern. Kunterbunt und effektvoll inszenierten Kämpfen standen eine maue Erzählform und wenig spielerische Abwechslung gegenüber. My Hero One´s Justice 2 will vergangene Fehler beheben und im zweiten Anlauf alles richtig machen. Ob dieses Vorhaben gelungen ist oder ob die Helden und Schurken einmal mehr auf Sparflamme zuschlagen, klärt unser Test. 

                     Hinweis: Sämtliches Bildmaterial wurde mit der PC – Version erstellt. 

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Spoiler zum Spielen

Vorneweg: My Hero One´s Justice 2 baut erzählerisch zwischen der dritten und vierten Staffel der Serie auf, geht also deutlich über die Handlung der bisher auf Deutsch ausgestrahlten Episoden hinaus. Wer abwarten und sich nicht im Vorfeld kaum vermeidbaren Spoilern aussetzen will, sollte die folgenden beiden Absätze lieber überspringen. Da sind wir ausnahmsweise auch niemandem böse. Versprochen. Alle anderen können natürlich beruhigt weiterlesen. Die Geschichte des Spiels setzt zu dem Zeitpunkt ein, an dem Izuku „Deku“ Midoriya und seine Klassenkameraden intensiv für das erfolgreiche Erlangen ihrer professionellen Heldenlizenz büffeln. Ohne die kommt man nämlich trotz aller Fertigkeiten nicht weit im hart umkämpfen Business als Kämpfer für das Gute. Den Hauptteil der Story behandelt den anschließenden Kampf gegen den Yakuza Overhaul sowie die Partnerschaft zwischen Izuku und Sir Nighteye. Vorangetrieben wird das Geschehen durch direkt aus der Serie entliehenen Standbildern mit Vollvertonung. Die gibt es allerdings ausschließlich auf Japanisch, weshalb sich die allermeisten Spieler mit den gut lokalisierten deutschen Untertiteln aushelfen müssen, um der Handlung weiter folgen zu können.

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Hier ist man aber leider abermals viel zu minimalistische Wege gegangen. Ohne ausführliches Vorwissen wird man sich im Helden- und Schurkenkosmos kaum zurechtfinden, es mangelt an einer angemessenen Zusammenfassung bisheriger Ereignisse. Auch schweift das Spiel zugunsten möglichst vieler Fights immer wieder von der eigentlichen Geschichte ab und erlaubt sich inhaltlich hier und da ein paar Freiheiten, auch wenn der vorgegebenen Story sonst weitestgehend akribisch gefolgt wird. Dem Konzept des Vorgängers ist man dafür voll und ganz treu geblieben: Habt ihr ein Kapitel erfolgreich als Held absolviert, könnt ihr selbiges erneut in der Rolle des auftretenden Schurken erleben. Einen essentiellen Mehrwert stellt das zwar nicht dar, sorgt aber zumindest anders als die meisten Spiele dafür, dass man im Rahmen der Kampagne in die Rolle beider Seiten schlüpfen darf, sofern man es denn möchte. Je nachdem, mit welchem Rang ihr am Ende abschneidet, schaltet ihr nicht nur neue Cosmetics für den umfangreichen Charaktereditor frei, sondern werden auch mit exklusiven Zusatzsequenzen versorgt, die allerdings auch nicht mehr bieten als bereits erwähnte Standbilder. 

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Die jeweiligen Kapitel sind übrigens streng linear strukturiert, Kämpfe finden ausschließlich in knapp bemessenen Arealen statt. Ein Hub-Areal wie beispielsweise den Campus der U.A. High School, in deren Rahmen man sich zwischen den Missionen frei bewegen darf, sucht man einmal mehr vergeblich. Allein deswegen will My Hero One´s Justice 2 nicht so recht in den modernen Zeitgeist passen, denn solche Features waren schon zu Zeiten des Erstlings mehr oder weniger Genrestandard. Mangelnde Einsteigerfreundlichkeit in Sachen Story, die viel zu minimalistische Erzählform samt abgerissen wirkendem Ende und die arg beschnittene spielerische Freiheit…all das setzen die Macher von Byking hier leider identisch zum ersten Teil fort und lassen dadurch auch zwei Jahre später tonnenweise ungenutztes Potenzial auf der Strecke liegen. Wer sich also dahingehend tiefschürfende Verbesserungen erhofft, wird wahrscheinlich das gleiche Gefühl der Enttäuschung erfahren, dass beim Testen immer wieder durch meine Gedanken gerauscht ist. Und das ist für Fans von Deku und Co. einfach nur verdammt schade, zumal man dafür zum Vollpreis an die Kasse gebeten wird. 

Heldenalltag

Warum My Hero One´s Justice 2 trotz allem besser abschneidet als das misslungene One Punch Man: A Hero Nobody Knows liegt in den zahlreichen Modi abseits der Hauptgeschichte begründet, die sich allesamt um die erhalten gebliebene zentrale Stärke des Spiels drehen: Die Kämpfe. Neben einer klassischen (wie immer chronisch performancebeinträchtigten) Onlinekomponente könnt ihr euch im Arcademodus unter Standardregeln im 3 versus 3 messen, während Freies Spiel zusätzliche Personalisierungsoptionen wie beispielsweise Zeitlimits oder Kämpferanzahl nach Belieben konfigurieren lässt. Übrigens könnt ihr hier für eure Sessions zusätzlich bis zu drei menschliche Mitstreiter am selben Bildschirm heranziehen. Und das ist dann ausnahmsweise doch mal ganz lobenswert. Neben der Kampagne fungiert aber besonders der Missionsmodus als Kernstück des Spiels. Als Teil der Heldenagentur arbeitet ihr euch dort zunächst ausschließlich mit Izuku durch immer weiter verzweigte Auftragsbäume, bis genügend der virtuellen Währung vorhanden ist, um neue Mitstreiter rekrutieren zu können. Das Ziel ist, die jeweiligen Bereiche von Schurken zu befreien und die Ordnung aufrecht zu erhalten. Kluges Manövrieren über die Karte ist dabei besonders wichtig, denn nach jedem erfolgten Zug ist der Computer an der Reihe und greift ein anderes Gebiet an. Sinkt dessen Ausdauer auf Null oder scheitert ihr bei einer Auseinandersetzung, ist die Mission fehlgeschlagen.

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Da sich die Trefferpunkte der Helden nicht automatisch zwischen den Kämpfen regenieren und Heilung nur auf bestimmten Feldern möglich ist, müsst ihr stets taktisch über die Karte wandern, um erfolgreich zu sein. Je mehr Missionen ihr absolviert, desto mehr Erfahrung erlangt euer bevorzuger Charakter. Da sich die Herausforderungen im Schwierigkeitsgrad nicht nur nach der steigenden Menge richten, sondern auch nach Levelstufen, sollten ihr immer im Blick haben, ob euer Team angemessen für die kommenden Auseinandersetzungen gerüstet ist. Eine Kompatibilitätsliste zeigt euch gleichzeitig an, welche Helden gut oder weniger gut miteinander harmonieren. Das solltet ihr bei der Aufstellung ebenfalls immer berücksichtigen. Ein kompatibles Team kämpft nicht nur effektiver, auch die immer wieder hörbaren Dialoge zwischen den Charakteren variieren basierend auf dem aktuellen Verhältnis untereinander. Das könnt ihr durch Assistpunkte steigern, die für erfolgreiches Zusammenspiel verliehen werden. So werden mit der Zeit sogar aus erbitterten Freunden zuverlässige Gefechtspartner. Aber vorsicht: Scheitert ihr an zu vielen Missionen, werden euch Punkte abgezogen, was im Ernstfall zum Rauswurf der angeheuerten Teampartner führen kann. Glücklicherweise kommt das gesamte System mit einem Mindestmaß an Grind aus, weswegen ihr nicht gezwungen werdet, die selben Missionen wieder und wieder zu spielen. Wer allerdings möglichst rasch die teuersten Helden anheuern will, kommt um regelmäßige Wiederholungen nicht herum. 

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Dabei steigt der Schwierigkeitsgrad mit jeder neuen Mission weiter an. Während der Anfang noch gemütlich von der Hand geht, warten später immer mehr Felder und damit auch Kämpfe auf das Team, geschicktes Mikromanagement und das Haushalten mit den eigenen Trefferpunkten wird essentieller Bestandteil des Modus. Und der weiß über viele Stunden derart zu motivieren und zu unterhalten, dass es My Hero One´s Justice 2 schließlich in bessere Wertungsgefilde schafft als Saitama und Friends. Für eine Spitzenplatzierung reicht es aber weiterhin nicht, dafür sind an anderen Stellen einfach zu viele Baustellen vorhanden. Und schließlich gab es die Missionen in nahezu identischer Form auch bereits im Vorgänger. Eine richtige Neuerung stellt die Agenturarbeit trotz allem Unterhaltungswert also ebenfalls nicht dar. 

Plus Ultra! 

Stagnation muss allerdings nicht immer etwas Schlechtes bedeuten, denn dass sich auch die Fights identisch zum Erstling anfühlen, garantiert arcadelastige und gleichermaßen einsteigerfreundliche Action. Neben sämtlichen Helden und Schurken des Vorgängers wurde das Roster um alle wichtigen Charaktere bis zur Mitte der vierten Staffel erweitert. Mr. Compress, Kendo Rappa und Twice ergänzen den Schurkenpool mitsamt ihren jeweiligen Spezialfertigkeiten, während die Heldenseite erstmals die „Big 3“ der U.A. High School, nämlich Mirio Togata, Tamaka Amajiki und Nejire Hado integriert. Außerdem neu sind die etablierten Berufshelden Gang Orca, Fat Gum und natürlich darf auch Sir Nighteye nicht fehlen. Zu guter letzt gesellen sich von der Shiketsu High noch Camie und Seiji zum Roster. Alle sind von Anfang an zugänglich und müssen nicht erst über Umwege freigeschaltet werden. Damit wächst die Gesamtzahl der verfügbaren Kämpfer auf respektable 39 an, weitere Ergänzungen in Form kostenpflichtiger DLC´s sind geplant. Weil sich das Roster aber schon jetzt angenehm vollständig anfühlt und keinen wichtigen Charakter vermissen lässt, kann man hier wirklich von komplett optionalen Inhalten sprechen, die keinerlei Abwertung rechtfertigen. 

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Positiv ist außerdem, dass jeder Kämpfer mit seinen eigenen Macken und Moves an den Start geht, einzigartige Animationen inklusive. Übervorteilt wird dabei niemand, das Balancing ist gelungen. Selbst die mächtigsten Attacken lassen sich über wenige Tasten abrufen, wobei einen das Spiel auf Wunsch weiterhin unterstützt. Mechanisch ähnelt die Auseinandersetzungen extrem jenen eines Naruto Shippuden: Ultimate Ninja Storm. Teamkameraden greifen nicht selbstständig ein und können auch nicht übernommen werden, helfen dafür aber auf Knopfdruck mit sich regelmäßig verfügbaren Angriffen aus, Spezialattacken werden bei gefüllter Plus Ultra – Leiste verfügbar und lassen sich als Standardvariante ebenso wie als besonders starke Version nutzen. Die kunterbunte Comicgrafik sorgt dabei mit der Unreal Engine 4 als Grundgerüst stets für ein passendes Effektgewitter und überzeugt mit hochdetaillierten Charaktermodellen. Durchgehend veraltet wirken dafür die Spielumgebungen: Allgemeine Texturarmut lässt die arg begrenzten Arenen wie aus einer anderen Zeit wirken. Und auch die Animationen könnten hier und da einen Ticken geschmeidiger ausfallen.

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Übrigens kommt das Spiel auch im zweiten Anlauf ohne Erweiterungen für PlayStation 4 PRO und XBOX One X daher. Es bleibt also bei jeweils 1080p und angepeilten 60 Frames pro Sekunde, wobei kleinere Einbrüche immer dann auftreten können, wenn besonders viel auf dem Bildschirm los ist. Besitzer einer Nintendo Switch müssen einmal mehr mit dynamischer Auflösungsskalierung in deutlich niedrigeren Auflösungsbereichen leben, bekommen dafür aber ebenfalls eine weitestgehend geschmeidige Bildrate geboten. Besonders im Dock wirkt das Bild matschig und kann es nicht mit der Konkurrenz aufnehmen. Natives 4K und damit die bestmögliche Bildqualität bei gleichbleibend allerbester Performance bietet ausschließlich der PC, der dafür allerdings nur wenige Optionen zur Feineinstellung bietet. Dafür halten sich die Hardwareanforderungen eher in Grenzen, bereits solide Mittelklassehardware erzielt identische Ergebnisse zu PlayStation 4 und XBOX One. Ein Gamepad ist am PC allerdings absolute Pflicht, denn die Tastatursteuerung zeigt sich genretypisch alles andere als übersichtlich oder nur ansatzweise präzise. 

Fazit und Wertung

55957770 2311144785603906 1491509483245928448 o„Chance vertan! Die Hoffnung, dass Entwickler Byking mit der Fortsetzung von My Hero One´s Justice aus vergangenen Fehlern lernt, hat sich leider nicht erfüllt. Stattdessen stagniert die Fortsetzung zwei Jahre später in nahezu allen Belangen, wagt keinerlei Neuerungen und kocht Bekanntes mit all seinen Unzulänglichkeiten erneut zum Vollpreis auf. Daran ändern auch die geringfügig verfeinerten Kampfmechaniken mit all ihrer Einsteigerfreundlichkeit samt umfangreichem Roster nichts. Ein weiterhin spaßig-fordernder Missionsmodus steht einer streng linear und steril erzählten Story gegenüber, die mangelndes Hintergrundwissen extrem benachteiligt. Die Charaktermodelle sind zwar vom feinsten, dafür sehen die Areale trist aus. Optimierungen für die erweiterten Konsolen? Fehlanzeige. Ein so unausgegorener Mischmasch aus Geben und Nehmen ist mir selten untergekommen. Schade um die starke Lizenz.“ 

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PRO: 

+ Umfangreiches Roster
+ Jeder Charakter verfügt über eigene Spezialangriffe
+ Liebevoll modellierte Helden und Schurken…
+ …die allesamt von Anfang an verfügbar sind
+ Hohe Effektdichte
+ Facettenreicher Editor
+ Unterstützt bis zu vier Spieler an einem Bildschirm (Modusabhängig)
+ Funktioneller Onlinemodus
+ Spaßiger Missionsmodus mit hoher taktischer Komponente
+ Ausführliche Tutorials
+ Gute (ausschließlich japanische) Sprecher
+ Sauber lokalisierte deutsche Untertitel
+ Passender Soundtrack
+ Zugängliche Bedienung via Gamepad
+ Optionale Eingabeunterstützung

CONTRA:

– Im Vergleich zum Vorgänger komplett ohne neue Ideen
– Streng lineare Kampagne…
– …die einen ohne Hintergrundwissen komplett auflaufen lässt…
– Nicht mehr zeitgemäße Standbildsequenzen
– Abseits des Missionsmodus spielerisch nie fordernd
– Triste Kampfumgebungen
– Keine Optimierungen für erweiterte Konsolen
– Onlinekomponente leidet weiterhin unter Performanceproblemen
– Fummelige Tastatursteuerung (PC)

                                           GESAMTWERTUNG:     6.4/10

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