Captain Tsubasa: Rise of New Champions – „Fußballspaß mit Macken“

                                                       Getestet und verfasst von General M

81DZZLs4YgL. SL1500 Wer sich bereits als Kind für den Fußballsport begeistern konnte und spätestens Ende der Achtziger Jahre das Licht der Welt erblickt hat, wird mit dem Läuten der Schulglocke wahrscheinlich einen kleinen Spurt nach Hause hingelegt haben, um ja nicht die neueste Episode von Captain Tsubasa (oder hiesig übersetzt Die tollen Fußballstars) zu verpassen. Seit 1995 hat RTL II die Animeserie damals ausgetrahlt, welche bis heute als weltwelt erfolgreichste japanische Zeichentrickadaption des Fußballs gilt. Mit Captain Tsubasa: Rise of New Champions wartet nun erstmals seit vielen Jahren wieder ein brandneues Game auf alte und neue Fans des FC Nankatsu. Aber für wen eignet sich die arcadige Bolzerei eigentlich?

                         Hinweis: Sämtliches Bildmaterial wurde auf dem PC aufgenommen. 

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Anpfiff auf Japanisch

Selbst wenn ihr von Tsubasa und Co. bisher noch nie etwas gehört habt, sollte euch das nicht abschrecken. Die Story teilt sich nämlich in zwei verschiedene Pfade auf. In Episode: Tsubasa begleitet ihr den namensgebenden Titelhelden und sein Team vom FC Nankatsu auf dem Weg zur dritten Meisterschaft und spielt damit die Ereignisse der Serie nach. Vollvertonung (die allerdings ausschließlich in Japanisch, dafür aber mit sauber lokalisierten deutschen Untertiteln) und mit viel Wiedererkennungswert in Szene gesetzte Charaktere sorgen dafür, dass auch Einsteiger die vielen Charaktere schnell kennenlernen. Allzu viel solltet ihr von der ersten Episode dennoch nicht erwarten. Die Story ist und bleibt typisch Japanisch geprägt, statt großer Dramen geht es um Ehrgeiz und Freundschaft, beides wird relativ überzogen dargestellt und orientiert sich nur wenig an realitätsbezogeren Geschichten á la Journey in FIFA. Das muss man mögen. Gleichzeitig fungiert das Ganze eher als umfangreiches Tutorial für alles, was noch folgt. Nach circa fünf Stunden ist das Ende der Episode bereits erreicht. Fans der Serie werden aber mit viel Liebe zur Vorlage bedient, große Längen gibt es nicht. 

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Deutlich mehr bietet da schon der zweite Teil der Reise. In der Episode: Neuer Held erstellt ihr euch zunächst im überraschend umfangreich ausgefallenen Editor einen eigenen Charakter, entscheidet euch für eines von insgesamt drei verschiedenen Teams und führt eure Mannschaft anschließend über gute fünfzehn Stunden zusätzliche Spielzeit an die Spitze. Mit der Zeit und entsprechenden Erfolgen verbessert ihr euren Spieler immer weiter, kümmert euch um das Mannschaftsmanagement und könnt über Freundschaften sogar Spezialangriffe anderer Spieler erlernen. Die verschiedenen Mechaniken greifen in der Praxis dann auch funktionell ineinander. Dabei bleibt die Story anders als in der ersten Episode trotz gelegentlicher Einspieler aber sehr viel belangloser. Dafür macht der Pfad des Rookies spielerisch ohne die ganzen Tutorialerklärungen mehr Spaß. Beides miteinanander kombiniert hätte die Wertung sicher noch um ein paar Punkte erhöht, komplett unzufrieden hat mich die zweite Episode aber trotzdem nicht zurückgelassen. Dort gibt´s übrigens auch einen Shop für neue Cosmetics und Spielerkarten. Die sind aber anders als beim echtgeldgierigen FIFA ausschließlich über durch einfaches Spielen erhaltene Ingamewährung erhältlich. 

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Neben all dem gibt es natürlich auch eine umfangreiche Mehrspielerkomponente, wo ihr wahlweise in schnellen Partien gegen Freunde oder Gegner aus aller Welt antreten dürft, oder aber im Rahmen etwas umfangreicherer Turniere zwischendurch wieder Manager spielen dürft. Dazu hätten wir euch übrigens gerne ebenfalls etwas Bildmaterial präsentiert, aber aufgrund anhaltender Probleme mit der Bilderstellung auf der PlayStation 4 und besonders der Tatsache, dass sich die PC-Version partout nicht mit den Onlineservern verbinden will, war dies leider zum Redaktionsschluss nicht mehr möglich. Und das ist leider nur der Anfang einer massiven Palette von Problemen, welches Captain Tsubasa: Rise of New Champions auf dem PC zur Katastrophe verkommen lässt. Skalierungs- und Auflösungsprobleme sowie völlig außer Kontrolle geratene Bildraten bei sämtlichen Settings oberhalb der Sechzigermarke sind leider bis zum gegenwärtigen Zeitpunkt nicht behoben worden (unser fehlerfreies Bildmaterial entstand durch private Tweaks mit externer Software), weshalb wir die Fassung stark abwerten müssen. 

Game on!

Als waschechter Arcadetitel spielt sich Captain Tsubasa: Rise of New Champions erwartungsgemäß ein wenig anders als die üblichen Simulatoren am Markt. Wer seine Zeit sonst regelmäßig mit FIFA oder PES verbringt, muss sich zumindest mit der Steuerung nicht lange grämen. Pässe und Schüsse spielen sich mit nahezu identischer Tastenbelegung, für alles andere gibt es ja immer noch das umfangreiche, jederzeit erneut aufrufbare Tutorial. Die großen Unterschiede findet man beim Gameplay selbst. Fouls existieren hier nicht, stattdessen wird aggressives Grätschen sogar vorausgesetzt. Ein Großteil der Spieler verfügt zudem über eine einzigartige Spezialattacke. Die lassen sich angenehm einfach ausführen, indem man die dazugehörige Taste einfach lange genug gedrückt lässt. Welche Fertigkeiten eure Spieler besitzen, lässt sich jederzeit bequem einsehen.

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In der Zeit, die ihr für das Aufladen bzw. Bereitmachen einer solchen Fertigkeit benötigt, kann aber einiges passieren. Nur wenige Sekunden können genügen, und der Ball ist futsch ehe ihr zum Abschuss kommt. Deshalb sollte man sich auch gut überlegen, wann man alles für einen mächtigen Schuss bzw. Pass riskieren will und ob sich das Risiko überhaupt lohnt. Wenn, belohnt einen das Spiel allerdings mit einer effektvollen Zwischensequenz. Die jeweiligen Moves sind angenehm vielseitig ausgefallen, weshalb es eine Weile braucht, bis man sich langsam daran sattgesehen hat. Deutlich schneller geht einem dagegen die Lust an den Kommentatoren verloren. Die brüllen nämlich auch einfache Pässe in lautem Japanisch so in Grund und Boden, dass man das Gefühl hat, der ausführende Spieler hätte gerade etwas gottgleiches verbracht. 

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Beim Gesamtumfang ist das Spiel dagegen etwas mau geraten. Bis auf ganz wenige Nationalmannschaften, die man an einer Hand abzählen kann, bietet das Spiel hauptsächlich die aus Serie und Co. bekannten Regionalteams. Kein Vergleich also zu den „richtigen“ Fußballspielen. Die bieten leider auch mehr Möglichkeiten zur Kameraeinstellung und Balancing. Nicht falsch verstehen, eine allgemeine Übersicht hat man immer. Aber wenn man gelegentlich blind von hinten anstürmen muss, weil der dazu gewählte Spieler erst Sekunden nach Kontrollübernahme im Bild zu sehen ist, kann sich das negativ genug auf das Geschenen auswirken, dass man sich Optionen für mehr Zoom dringend herbeiwünscht. 

Der Wille war da

So actionreich es auf dem Platz auch zugeht, so nervig ist das alles überschattende Wille-System. Dieses ist am ehesten vergleichbar mit einer klassischen Ausdauerleiste, die sämtliche Spielern samt Keeper stets über ihren Köpfen schwebt. Kleine und große Spezialattacken kosten Wille, der sich bei regulärem Ballspiel allmählich wieder auflädt und zur Halbzeit für beide Teams komplett aufgefrischt wird. Wer den Willen seiner Spieler zu schnell aufbraucht, um beispielsweise einen Angriff zu kontern, hat im Anschluss meistens kaum noch genug Ressourcen übrig, um es erfolgreich in den gegnerischen Strafraum zu bringen. Weil sich das System nicht deaktivieren lässt, wird man immer wieder gezwungen, zwischendrin auf die Bremse zu treten um seine Ressourcen zu regenerieren. Nur um dann irgendwann zu erleben, dass die immer noch frischen Gegner uns mit ihren Moves komplett außer Gefecht setzen. Das geht auch nur solange gut, bis der Keeper ebenfalls am Limit seines Willens angelangt ist.

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Erst dann klappt es auch mit dem Punkten. Nervig, wenn man immer wieder mit dem Wissen angreift, dass der gegnerische Torhüter immer noch wach genug ist, um den eintreffenden Ball zu halten, wenn man nicht permanent mit ultimativen Fähigkeiten abzieht. Das ist für mich neben dem immer wieder sehr wankelmütigen Tempo und der gelegentlich etwas unpräzisen Steuerung der Spieler das größte Problem beim Gameplay. Es fehlt das Element des Zufalls. Man weiß, wann man ein Tor erzielt und wann nicht. Und das ist selbst im Arcadebereich eine verdammt nervige Angelegenheit, an die ich mich auch nach vielen Stunden im Spiel einfach nicht gewöhnen wollte. Einfach draufholzen, fette Moves abziehen und das entspannte Spiel abseits unnötiger Simulationsregeln genießen, genau das hätte Captain Tsubasa: Rise of New Champions schnörkellos liefern können (und müssen). Stattdessen fragt man sich, was eher nachlässt: Der Wille des Torhüters oder der Person, die gerade das Gamepad in der Hand hält. Ohne dieses sollte man sich übrigens am PC gar nicht erst ans Spiel wagen. 

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Technisch macht Captain Tsubasa: Rise of New Champions insgesamt eine zufriedenstellende Figur, zumindest auf der PlayStation 4. Gerne hätten wir auch die Switch etwas näher beleuchtet, dafür stand uns aber leider kein Rezensionsexemplar zur Verfügung. Performanceprobleme gab es keine, egal ob auf dem Basismodell oder der PlayStation 4 PRO. Letztere löst übrigens in nativem 4K auf, was besonders die detailgetreuen Spielermodelle noch eine ordentliche Schippe knackiger wirken lässt. Lediglich die Stadien und Bolzplätze hinken visuell hinterher. Kunterbunt wie der Rest, mangelt es dennoch an vielen Stellen am gewissen Etwas. Die PC-Version sieht dazu im direkten Vergleich nahezu identisch aus, liefert aber die feinere Kantenglättung und einen Ticken mehr Qualität bei Beleuchtung und Schattendarstellung. Auch das Laden geht selbst über reguläre Festplatten schneller von der Hand. Weil abseits davon aber nichts so richtig rund auf dem PC läuft, ist man zumindest gegenwärtig besser mit der Konsolenfassung bedient. 

Fazit und Wertung

55957770 2311144785603906 1491509483245928448 o„Kurz vor dem alljährlichen Aufguss von FIFA hätte Captain Tsubasa: Rise of New Champions gute Chancen gehabt, mit dem Fokus auf arcadelastigem Gameplay eine handfeste Alternative zu etablieren, der zudem noch eine beliebte Lizenz zugrunde liegt. Die Story der ersten Episode ist kurz, wird aber knackig erzählt, ehe es in im Anschluss ohne große erzählerische Highlights im Rookie-Pfad spielerisch deutlich umfangreicher zugeht. Lokal und online kann bequem gegen Freunde, bzw. Fremde gespielt werden und das Teammanagement geht mindestens so einfach von der Hand wie die allgemeine Bedienung. Die gegenwärtig desaströse PC-Version sowie viele allgemeine Ärgernisse, allem voran das durch die alles überschattende Wille-Komponente immer wieder negativ beeinflusste Gameplay versagen dem Spiel aber einen Platz im virtuellen Fußballolymp.“ 

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PRO:

+ Erste Episode erzählt detailgetreu die Ereignisse der Serie nach…
+ …während die zweite Episode sich gelungen auf den spielerischen Aspekt fokussiert
+ Charaktere kommen den Serienvorbildern visuell extrem nahe
+ Viele einzigartige, effektreich in Szene gesetzte Spezialfertigkeiten
+ Intuitive Managementkomponente
+ Schnörkellose Mehrspielerkomponente, sowohl lokal als auch online
+ Viele freischaltbare Musikstücke und Videoclips
+ Gute (japanische) Sprecher
+ Sauber lokalisierte deutsche Untertitel
+ Vielseitiger Charaktereditor 
+ Kartenpakete und Co. kommen komplett ohne Miktrotransaktionen aus
+ Umfangreiche, jederzeit wiederholbare Tutorials
+ Frei konfigurierbare Tastenbelegung
+ Eingänge Bedienung

CONTRA:

– Spielumgebungen grafisch eher schwach
– Zweite Episode storytechnisch um ein vielfaches Schwächer als Episode: Tsubasa
– Wille-System spätestens beim Punkten mit hohem Frustfaktor…
…und nicht abschaltbar
– Sehr wenige Nationalmannschaften
– Kommentatorengeschrei wird schnell nervig
– Unzureichende Kameraperspektiven
– Gelegentliche Präzisionsschwächen bei der Spielerbewegung
– Schwierigkeitsstufen grenzen sich nur wenig voneinander ab

– Onlinemodi funktionieren nicht (PC)
– Massive Probleme bei Auflösung und Textskalierung (PC)
– Gemessen an der Standardbelegung extrem fummelige Tastatur- und Maussteuerung (PC)

                           GESAMTWERTUNG:     6.8/10 (PS4)
                                                    4.0/10 (PC)

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